Ein Stück weihnachtliches Skandinavien in Bonn

FEST DES LICHTES  Wahrscheinlich hat so manch ein Student im Winter einen weiß gekleideten Chor in der Adventszeit durch das Uni-Hauptgebäude ziehen sehen. Doch nicht alle wissen, dass sie dabei Zeugen eines skandinavischen Festes werden, das auch hier in Bonn seit Jahrzehnten zelebriert wird.

  ►  VON JACQUELINE FANK

 

Jedes Jahr veranstalten die Studentischen Hilfskräfte der Abteilung für Skandinavische Sprachen und Literaturen in Zusammenarbeit mit dem derzeitigen Schwedisch-Dozenten Håkan Westman und der Fachschaft für Germanistik, Komparatistik und Skandinavistik (GeKoSka) zwei Festaktivitäten anlässlich des skandinavischen Lucia-Festes: Am Nachmittag des 13. Dezember zieht der Lucia-Chor durch das Uni-Hauptgebäude und um den 13. Dezember herum findet dann das Lucia-Fest statt. Bei diesem Fest tritt erneut der Lucia-Chor auf. Nach seinem Auftritt wird das skandinavisch inspirierte Buffet eröffnet und es wird gefeiert.

Das Lucia-Fest ist ein skandinavischer Brauch, der am 13. Dezember zelebriert wird. Es ist der Gedenktag der heiligen Lucia. Früher fiel der 13. Dezember auf die Wintersonnenwende, so wie auch das andere skandinavische Fest, der Midsommar, auf die Sommersonnenwende fällt. Traditionell werden beim Fest weiße Gewänder und Kerzen getragen. Heutzutage trägt meistens nur der Chor traditionelle Gewänder und es werden elektrische Kerzen verwendet.

Die Organisation für das Bonner Lucia-Fest beginnt schonfrüh. Laut Benedikt Hufnagel, Studentische Hilfskraft der Skandinavistik und Kultur- und Veranstaltungsreferent der Fachschaft GeKoSka, wird bereits Anfang September begonnen, den passenden Veranstaltungsort zu finden. Die Suche wird von Jahr zu Jahr intensiver, da passende Räume im Bonner Raum schnell vergeben sind. Der Lucia-Chor beginnt ebenfalls ein paar Monate vor dem Fest an mit den Proben. „Es werden traditionelle schwedische Lieder des Lucia Fests eingeübt. Die Teilnahme steht grundsätzlich allen interessierten Personen offen. Es werden auch keine Vorkenntnisse des Schwedischen erwartet; der Dozent probt die Songs mit allen Interessierten so ein, dass auch Sprachfremde sie perfekt vortragen können“, so Benedikt Hufnagel. Stehen die Räumlichkeiten und der Chor ist die größte Organisationsarbeit geschafft, die restliche ist dann nicht mehr ganz so zeitinvestiv, auch weil die Abläufe sich über die Jahre gut eingespielt haben.

Besonders macht die Veranstaltung vor allem die Atmosphäre des Festes. Benedikt Hufnagel beschreibt diese so: „Alles, was man an dem Abend vorfindet und erlebt, ist unter der tatkräftigen Unterstützung der Gemeinschaft entstanden. Es herrscht eine sehr familiäre Stimmung und es fällt einem dort auch leicht, neue und interessante Personen kennen zu lernen. Es ist ein Fest von allen für alle.“

Dieses Jahr findet das Lucia-Fest am 14. Dezember ab 17 Uhr in der ESG Bonn (Königstraße 88, Bonn) statt. Für nur 5€ könnt ihr an diesem Fest teilnehmen, Essen und Trinken ist im Preis inbegriffen. Wenn ihr etwas zum Buffet beitragt, ist der Eintritt sogar kostenlos. Buffetlisten liegen dafür im Geschäftszimmer der Skandinavistik aus. Dort sind auch die Eintrittstickets (Biljetter) erhältlich, diese können natürlich auch am Abend selber beim Fest gekauft werden.

Unsere Redakteurin Jacqueline ist Mitglied der Fachschaftsvertretung Gekoska. (Anm. d. Redaktion)

Ein Zauberer der Worte

BUCH Merlin Monzel – nicht nur sein Vorname lässt Mystisches vermuten. Auch die literarische Welt, die der in Bonn studierende Jungautor zum Leben erweckt hat, ist nicht weniger geheimnisvoll. Der AKUT verrät er, weshalb er das WOKI liebt und auch vor „substantiellem Trash“ nicht zurückschreckt.

INTERVIEW LINNÉA NOETH

AKUT Du hast deinen Roman schon mit zwölf Jahren geschrieben, wie kam es, dass du ihn erst 2014 veröffentlicht hast?

MERLIN Ich habe lange Zeit versucht, einen Verlag zu finden, was als Kind leider nicht so einfach ist. Zwischendurch hat das Manuskript einfach nur in meiner Schublade gelegen und niemand hat es beachtet. Erst 2014 habe ich schließlich eine positive Rückmeldung bekommen. Dafür bin ich dem S.MO-Verlag bis heute sehr dankbar.

AKUT Der zweite Band ist gerade auf den Markt gekommen. Ist ein dritter geplant?

MERLIN Tatsächlich entstand die Handlung für den dritten Band bereits mit der Handlung des zweiten Bandes, weshalb im zweiten Band zahlreiche Anspielungen zu finden sind. Persönlich bin ich sogar sehr stolz auf die Handlung des dritten und voraussichtlich letzten Bandes, der aufgrund meines Genrewechsels aber wahrscheinlich noch ein wenig warten muss.

AKUT Wie kamst du dazu, deine Geschichte um phantastische Wesen wie Drachen zu spinnen? Wer oder was hat dich dazu inspiriert?

MERLIN Aufgrund eines defekten Sprunggelenkes habe ich mehrere Monate in einer Klinik gelegen, was man sich dementsprechend langweilig vorstellen kann. Mein Zimmergenosse mochte Drachen und andere fantastische Wesen, weswegen ich irgendwann angefangen habe, kleine Geschichten für ihn zu erfinden. Am Anfang des ersten Teils bemerkt man vielleicht sogar noch, dass der komplette Roman aus zahlreichen Kurzgeschichten entstanden ist. Erst später habe ich diese zu einer komplexen Handlung zusammengefügt.

AKUT Planst du, in Zukunft über realistische Themen zu schreiben, oder wirst du bei deinen Drachen bleiben?

MERLIN Das ist dann wohl der Moment, an dem ich über meinen bereits erwähnten Genrewechsel sprechen kann. In meinem Leben habe ich selbst kaum Fantasy gelesen und mich mehr für andere Genres interessiert. Im Moment schreibe ich an einem Roman, der am ehesten in die Sparte „Mystery“ fällt, ich selbst bezeichne ihn auch gerne als „substantiellen Trash“. Im Prinzip geht es mir darum, eine philosophische Botschaft mit möglichst drastischen Mitteln zu verbreiten. Vor Gewalt und sexuellen Darstellungen schrecke ich nicht zurück. Das Buch ist im Gegensatz zu „Narradonien“ realistisch gehalten, spielt aber auf zwei Ebenen: Die eine ist unsere wirkliche Welt, die andere eine Art mythologische Allegorie. Wie bei E.T.A. Hoffmanns Sandmann weiß man nie mit Sicherheit, was gerade Wirklichkeit ist und was nicht.

AKUT Wer sind deine literarischen Vorbilder?

MERLIN Ich habe eben ja bereits E.T.A. Hoffmann erwähnt, dessen Stil mir sehr gefällt. Mein neustes Werk nimmt aber auch Bezug auf Autoren wie Markus Zusak, der mit „Der Joker“ übrigens mein Lieblingsbuch geschrieben hat, und Anonymous, dessen „Bourbon Kid“-Reihe die sprachliche Gestaltung meiner Gewaltszenen stark beeinflusst hat. Am besten bekannt sollte den Lesern jedoch Stephen King sein, den ich vor allem aufgrund seines Mutes schätze. Er schreibt einfach, was er schreiben will und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf Leser und Konvention.

AKUT Wenn dich die Literatur so begeistert, warum hast du dich dann ausgerechnet für ein Psychologie- Studium und kein Studium der Literatur entschieden?

MERLIN Der zweite Teil der Frage lässt sich einfacher beantworten als der erste. Tatsächlich hatte ich kurz darüber nachgedacht, Literatur zu studieren, mich dann allerdings dagegen entschieden. Ich möchte meiner Kreativität freien Lauf lassen und mich nicht an irgendwelche literarischen Regeln halten. Meiner Meinung nach kann jeder schreiben, nicht nur studierte Autoren. Psychologie habe ich hauptsächlich gewählt, weil es mich interessiert. Vollkommen unabhängig vom Beruf des Autors wollte ich mich weiterbilden. Sollte mir das Studium jedoch dabei helfen, die Psyche des Menschen besser zu verstehen und in meine Werke einfließen zu lassen, so nehme ich das gerne an. Das Werk, an dem ich gerade arbeite, ist von einem Psychothriller schließlich nicht mehr weit entfernt.

AKUT Warum ist die Wahl deines Studienortes ausgerechnet auf Bonn gefallen?

MERLIN Ganz klar aufgrund der Rechtspsychologie. Kaum eine andere Universität bietet dieses Modul an, weswegen ich mich für Bonn entschieden habe. Als ganz kleiner Junge wollte ich Jura studieren und so habe ich für mich die Verbindung zwischen Jura und Psychologie geschaffen.

AKUT Was ist dein Lieblingsort hier in Bonn?

MERLIN Definitiv das WOKI. Wenn man einfach mal nur entspannen oder sich inspirieren lassen möchte, ist die wöchentliche Sneak genau der richtige Ort. Wäre bestimmt auch total cool, in einem der Kinosäle eine Lesung zu halten…

AKUT Und weshalb gehst du dann so oft zum Pub-Quiz im Fiddler’s?

MERLIN Das habt ihr aber gut recherchiert. Ich würde sagen, weil Quizzen einfach Spaß macht. Die Challenge interessiert mich und natürlich auch das Zusammensein mit meinen Freunden.

AKUT Zum Abschluss noch drei Gründe, weshalb man die „Narradonien“- Reihe lesen sollte.

MERLIN Gute Frage. Ein Grund ist wahrscheinlich, dass vor allem der erste Roman einen Teil unserer kindlichen Seele widerspiegelt. Wer wollte als Kind nicht auch mal ein Buch schreiben? Ich habe es aufgrund einiger glücklicher Umstände geschafft, meine kindliche Phantasie in ein Buch zu packen und nahezu ungefiltert der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mein zwölf jähriges Ich war vielleicht kein Profi, aber mit Sicherheit authentisch. Ein zweiter Grund ist natürlich die spannende Story. Es geht um eine Heldenreise. Um eine Reise des Erwachsenwerdens. Aus diesem Grund ist die Reihe vielleicht eher für Jüngere geeignet. Viele bekannte Themen werden auf neue, mitreißende Art und Weise aufbereitet. Der letzte Grund ist zugleich auch der wichtigste: Man sollte die Reihe lesen, wenn man neugierig ist. Neugierde treibt uns an und bringt uns dazu, neue Dinge auszuprobieren. Warum sollte man immer nur alte Klassiker oder berühmte Bestseller lesen? Vielleicht ist es ja an der Zeit, sich mal auf etwas Unbekanntes einzulassen. Wenn dieses Interview also Interesse in euch weckt, solltet Ihr die „Narradonien“-Saga lesen!

Das Spiel der Helden

JUGGER – DAS SPIEL Wer öfter einmal am Hofgarten vorbeikommt, der hat sie bestimmt schon einmal gesehen: Grün gekleidete Gesellen, die sich scheinbar mit Morgensternen und übergroßen Wattestäbchen bewaffnet duellieren. Doch hinter dem scheinbaren Chaos steckt ein Spiel von Geschwindigkeit und Präzision.

VON MAX DIETRICH

Der Sport, um den es sich hier dreht, heißt Jugger und entspringt ursprünglich einer australischen Filmvorlage mit dem wunderbar epischen Titel „The blood of Heroes“. In diesem Film, der vom Stil her wie einer der frühen „Mad Max“-Filme anmutet, finden die Bewohner einer post-apokalyptischen Welt kurzfristige Zerstreuung durch „das Spiel“, eben dem Ursprung von Jugger. Daraus wurde Anfang der 90er in Heidelberg im Zuge eines Live-Rollenspiels ein realer Sport entwickelt, der sich mitwerweile in ganz Deutschland verbreitet hat. Gespielt wird Jugger auf einem rechteckigen Feld von 40 Metern Länge mal 20 Meter Breite, bei dem die Ecken jedoch ausgespart werden. Ein Spiel ist in Spielzüge unterteilt, zu deren Beginn sich die Spieler an den Grundlinien aufstellen, und der Ball, genannt „Jugg“, in der Mitte platziert wird. Ein Spielzug endet, wenn es einem der Teams gelingt, den Jugg in das gegnerische „Mal“, also das Tor, zu stecken. Während eines Spielzugs verstreicht fortlaufend die Gesamtspielzeit, die in „Steinen“ gemessen wird. Ein Stein dauert 1,5 Sekunden, ein Spiel dauert 100 Steine. Zwischen den Spielzügen jedoch bietet sich für die Teams Gelegenheit für Strategiebesprechungen oder Positionsänderungen, so dauert eine Partie insgesamt etwa 20 bis 30 Minuten Es treten zwei geschlechtergemischte Mannschaften à 8 Spielern gegeneinander an, von denen jedoch nur 5 gleichzeitig an einem Spielzug teilnehmen. In jedem Spielzug stellt einer davon den Läufer, der als einziger den Jugg bewegen darf. Die anderen Spieler sind mit den typischen Waffen, den Pompfen, ausgerüstet, und verteidigen den Läufer vor dem gegnerischen Team. Die Pompfen sind gepolsterte Keulen in verschiedenen, festgelegten Längen, desweiteren gibt es Rundschilde und eine morgensternartige Kette. Wird ein Spieler von einem gegnerischen Pompfen getroffen, muss er sich für eine gewisse Zeit hinknien und darf nicht am Spielgeschehen teilnehmen. Es gewinnt das Team, das nach Verstreichen der Spielzeit die meisten Punkte durch Platzieren des Juggs in das Mal erzielt hat. Was dabei herauskommt ist ein Sport, der gleichzeitig Geschwindigkeit und Präzision erfordert. Den Spielern muss es gelingen, das gegnerische Team durch Niederhaltung zu kontrollieren und dem eigenen Läufer das Punkten zu ermöglichen,

Wir haben die Juggmen am 04.12.2016 bei ihrem Training im Hofgarten besucht und dem stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Jonas Breull-Wierschem einige Fragen gestellt.

AKUT Wie kam es zur Gründung der „Flying Juggmen“?

JONAS Die Juggmen wurden 2012 von Bonner Studierenden gegründet, die sich damals die Ausrüstung aus Münster besorgt hatten. Damals waren es nur fünf bis sechs Leute. Seit August sind wir ein eingetragener Verein, allerdings unter dem Namen Jugger Bonn-Rhein-Sieg.

AKUT Wie würdest du Jugger kurz und knapp beschreiben?

JONAS Wir beschreiben Jugger immer als eine Mischung aus Rugby und Fechten. Das Zusammentreffen in der Mitte des Feldes ähnelt dem Rugby. Allerdings kommt es dann beim Kampf mit den Pompfen viel mehr auf Präzision und Geschwindigkeit an als auf Kraft, das hat viel mit dem Fechten gemeinsam. Aus Sicht der Läufer kommen dann noch Aspekte des Ringens hinzu, wenn sie um den Jugg kämpfen.

AKUT Was macht die Faszination von Jugger aus?

JONAS Zum einen die Vielseitigkeit. Jugger verbindet Elemente des Schwertkampfs, die ja eine gewisse archaische Faszination ausüben, mit einer Mannschaftssportart. Man kann Jugger nur zum Spaß spielen, oder sich professionalisieren und bei Turnieren antreten, wie wir das tun. Zum anderen ist es ein sehr faires Spiel. Bei Turnieren gibt es zum Beispiel vier Schiedsrichter, die genau gucken, wann jemand getroffen wurde.

AKUT Die Juggmen spielen in der Jugger-Liga und nehmen an Turnieren teil. Wie muss man sich das vorstellen?

JONAS Es gibt ein Ranking-System mit allen Mannschaften, die jemals ein Turnier besucht haben. Davon sind vielleicht 200 Mannschaften aktiv, die meisten davon aus Deutschland. Je nachdem, wie eine Mannschaft auf verschiedenen Turnieren dann abschneidet, wird sie in diesem Ranking eingeordnet. Wir belegen dort im Moment Rang 16, das ist schon ziemlich stark.

AKUT Jugger ist ja eine vergleichsweise junge Sportart. Wie siehst du die Entwicklung der letzten Jahre?

JONAS Es ist toll zu beobachten, wie Jugger an Bekanntheit wächst. Es entstehen überall neue Teams, die Turniere werden größer, alles wird insgesamt professioneller. Auch bei uns hat sich einiges getan, durch die Gründung des Vereins haben wir jetzt beispielsweise Zugang zu einer Halle, in der wir Trainieren können.

AKUT Was für Reaktionen bekommt ihr denn, wenn ihr hier in Öffentlichkeit trainiert?

JONAS Die meisten Leute sind einfach interessiert. Es macht auch viel aus, dass wir unsere eigenen Trikots haben, so sieht alles natürlich schon mal etwas professioneller aus. Wir beantworten immer gerne Fragen; die meisten Leute sind zum Beispiel überrascht, wie leicht so eine Pompfe in Wirklichkeit ist.

AKUT Wenn man Interesse hat, bei euch mitzumachen, kann man da einfach vorbeikommen?

JONAS Ja, auf jeden Fall, wir freuen uns immer über neue Leute. Wir trainieren immer sonntags ab 13 Uhr im Hofgarten und Donnerstag abends in einer Halle, wo ab dem kommenden Jahr auch Vereinsexterne mit rein dürfen. Außerdem bieten wir donnerstags um 16 Uhr auf der Poppelsdorfer Allee ein Kindertraining an, natürlich dann mit etwas kleineren Pompfen.

Editorial | AKUT 342

Liebe Leserinnen und Leser!
Es hat sich einiges verändert im Hause „AKUT“. Und nein, damit ist nicht nur das schlanke Format dieser Ausgabe gemeint, die so prätentiös die Diät-Tipps der Promis bewirbt.

Vielmehr steht beinahe die ganze Redaktion Kopf, seit unser geliebter (ja, wirklich!) Chefredakteur Alexander Grantl seinen Rücktritt angekündigt hat. Denn das Niveau, auf das Alex die AKUT in Amtszeit gehoben hat, ist für uns als blauäugige Nachfolger natürlich eine Hürde, die es zu halten und zu verbessern gilt. Davon werden wir uns natürlich nicht unterkriegen lassen, sondern unser Bestes geben, um den letzten Ausgaben der AKUT gerecht zu werden. Wenn euch dennoch etwas nicht gefallen sollte, was ihr seht und lest, könnt ihr uns gerne einen Leserbrief zukommen lassen, und sei es eine wutbürgerliche Schmähkritik. Hierzu könnt ihr uns auf Twitter, Facebook oder hier erreichen.

Auch wenn der Semesterbeginn schon ein wenig zurückliegt, wollen wir es uns nicht nehmen lassen, den „neuen“ Erstis hier ein kleines Kompendium mit auf den Weg zu geben, das ihnen die Studienzeit ein wenig erleichtern soll. Für Studierende, die sich ihrem Abschluss nähern, könnte ein Gastbeitrag lesenswert sein, der aufdeckt, weshalb der Traum einer akademischen Karriere meist mehr verspricht, als er hält. Als Gegenbeispiel für eine mehr als erfolgreiche akademische Karriere stellen wir in einem Interview den Bonner Psychologie-Professor Martin Reuter vor, der uns verrät, wie unsere Gene und unser Verhalten zusammenhängen. Wer es lieber sportlich mag, kann in unserem Bericht über „Jugger“ eine Sportart kennen lernen, die einer Mischung aus Rugby und Fechten gleicht. Für Fantasy-Liebhaber oder Weihnachtsgeschenk-Suchende bietet sich das Gespräch mit dem
Bonner Jung-Autor Merlin Monzel an, mit dem man in die fantastische Welt von „Narradonien“ eintauchen kann.

Viel Freude beim Lesen!
Max und Linnéa

In Bonn erlebt & In Bonn entdeckt

In Bonn erlebt

Immer wieder ein Erfolg

Wenn Quichotte und René Deutschmann die Glocke zu ihrem berühmten Poetry Slam „Raus mit der Sprache“ in der Beueler Schauspielhalle läuten, so nehmen Heerscharen Kulturwütiger die Mühe auf sich, über die Brücke auf die andere Rheinseite zu radeln. Die Reise an diesem Sonntagabend Ende Mai hat sich gelohnt, in der „Dead or Alive“-Ausgabe des Slams treten drei längst totgeglaubte Dichter der Weltgeschichte gegen vier moderne Slammer an. Und selbst Satan gibt sich die Ehre, steigt mit abgehackten Bewegungen aus den Tiefen der Theaterkulisse empor und rezitiert dabei in verstörendster Manier den Schriftsteller Alfred Döblin. Reihum präsentieren die Künstler ihre gut fünfminütigen Texte. Nachdem das Publikum sich so durch ein abwechslungsreiches Programm geklatscht hat, das einen Bogen von der Liebe, über soziale Tabus, virtuelle Netzwerke, griechische Mythologie bis hin zu experimenteller Lyrik spannt, besteigt am Ende der Finalrunde ein schlaksiger Kerl in Turnhemd und Pluderhose das Podest. Herzlichen Glückwunsch an den barfüßigen Andy Strauß aus Münster! Wir freuen uns, denn es ist irgendwie beruhigend, dass die lebendigen Dichter sich im Kampf um die Gunst der Zuschauer gegen die altehrwürdigen Genies behaupten konnten. Neue, irre Ideen überzeugten auf der kleinen Bühne an diesem Tag mehr als die kunstvolle Ausstaffierung à la William Shakespeare – der nun, wie seine Kollegen, in sein Grab zurücksteigen muss.

Von Hannah Rapp und Laura Breitkopf

In Bonn entdeckt

Zwischen zwei Uni-Seminaren mal schnell etwas essen gehen? Oder hungrig nach einem Stadtbummel irgendwo einkehren? Da habe ich einen Tipp! „Iss dich glücklich“ heißt das kleine Restaurant in der Franziskanerstraße direkt am Koblenzer Tor am Uni-Hauptgebäude. Seit vier Jahren bieten die Inhaber hier schon persische Küche zu moderaten Preisen an. Wer nicht gerade zur Mittagszeit kommt, findet sicher einen Platz. Die Karte bietet warme und kalte Gerichte für drei bis zehn Euro an. Besonders zu empfehlen ist die hausgemachte Curry-Creme- Suppe für vier Euro. Dazu hat der Gast die Auswahl zwischen verschiedenen frischgepressten Säften, die in Smoothie-Konsistenz serviert werden. Die meisten Gerichte haben die Inhaber an den deutschen Gaumen angepasst und bereiten sie fettreduzierter als im Originalrezept zu. Alle Gerichte bieten eine tolle Alternative zu Burger, Pizza und Co.!

Von Lauren Ramoser

Smart phone, dumb people

Alles, was man nicht sieht, wenn man nur aufs Handy schaut

Wenn man ab und an von seinem Smartphone aufsieht, kann man in seiner urbanen Umgebung jede Menge entdecken: Die Rede ist von Streetart – kleine Kunstwerke an Stromkästen, Hausfassaden und Laternenpfählen, mal politisch, mal sozialkritisch, mal einfach nur lustig.

Sie befinden sich auf unseren täglichen Routen durch Bonn. Auf dem Weg zur Uni oder auf dem Weg nach Hause verstecken sie sich vor dem flüchtigen Blick, doch fallen sie eines Tages ins Auge und man fragt sich: Moment, war das schon immer da?

Viele der Streetart-Pieces in Bonn stammen von dem Künstler 1zwo3, der die Straßen der Stadt, und nun auch diese Seite, mit seinen humoristischen Bildern schmückt. Rechtlich bewegt er sich dabei in einer Grauzone. Da er nicht in die Grundstruktur von Gebäuden eingreift, gilt sein Handeln nicht als Vandalismus. „Bilder malen, ausschneiden und nachts an Stromkästen, Unterführungen und Notausgänge kleistern“, gilt als sein Hobby, beruflich ist er im Grafik- und Designbereich tätig. Vorzugsweise zeichnet er Tiere oder Helden, die er mit menschlichen Marotten verbindet. „Vermenschlichung und Alltägliches lassen die Figuren normal erscheinen, was im vollständigen Gegensatz zu dem steht, wie wir sie von Kindesbeinen auf kennen lernen“, so 1zwo3.

Also einfach mal das Handy in der Tasche lassen und Augen auf – denn Streetart ist auf jeden Fall interessanter als das zwanzigste Foto von irgendeinem Mittagessen eines entfernten Bekannten.

In diesem Sinne: Guten Appetit beim Augenschmaus.

Ein Hoch auf Bonn!

Wenn schon nicht Bundeshauptstadt, wenigstens eine Hymne

Jede hippe und junge Stadt braucht heutzutage ein Lied, welches das eigene Lebensgefühl besingt. Da hat nun auch Bonn nachgezogen. Also aufgepasst, Bonn! Hier kommt der Bonn Song!

Mit dem Song feiert die Stadt sich selbst und seine Bewohner, die das Projekt tatkräftig unterstützten. Insgesamt sind im Bonn Song rund 30.000 Stimmen von Bonner Bürgerinnen  und Bürgern zu hören. Daneben griffen auch Lokalberühmtheiten zum Mikro, um ihre Heimat zu besingen. Darunter sind illustre Namen zu finden wie Bernd Stelter, Konrad Beikircher und Bernhard Hoecker.

Damit hat der Bonn Song alles, was eine Hymne braucht:Die Promis für etwas Glamour, Kinder und Senioren für etwas Menschlichkeit, glitzernde Stadtpanoramen für etwas Flair und eine Maultrommel für etwas Beat. Das ist emotional und mitreißend!

Für den Bonn Song wurde die Stadt auf Hochglanz poliert. So gehört es sich natürlich für ein Video, das die Stadt repräsentiert. Ach, wie schön ist Bonn! Der glitzernde Rhein, die glänzende Poppelsdorfer Allee und das strahlende Poppelsdorfer Schloss als Krönung. All das kann man im Musikvideo bewundern. Aber Achtung, wer lichtempfindliche Augen hat, sollte lieber eine Sonnenbrille tragen. Bei all dem Glitzer besteht Blendungsgefahr!

Auch die Universität wird erwähnt, schließlich ist die besungene Stadt ja auch Universitätsstadt. Das muss man natürlich zeigen. So sitzen also gut gelaunte, hübsche Studentinnen auf der Hofgartenwiese, die bezeugen, wie studentisch authentisch man hier lebt.

Und für alle, die Bonn nicht kennen, werden nochmal alle Attraktionen aufgezählt: Der Rhein, der Blick auf das Siebengebirge, die Goldenen Bärchen, Karneval und natürlich Beethoven! Aber auch für die Alteingesessenen gibt es noch einen neuen Fakt im Bonn Song. Die schönste Stadt Italiens ist Bonn am Rhein! Na gut, es gibt eine Menge italienische Restaurants und Eisdielen und betrachtet man die Karte NRWs, liegt Bonn im Süden, also Mailand oder Madrid – oder Bonn – Hauptsache Italien!
Neben Kitsch, Rheinromantik und immer wieder Beethoven hat der Bonn Song aber doch eine Daseinsberichtigung, denn ein Drittel des Erlöses, der durch den Verkauf der CDs erwirtschaftet wird, geht an den Bonner Verein „Bunter Kreis“, der schwerkranke Kinder und deren Familien unterstützt. Also wohl doch: Ein Hoch auf Bonn!

Jenseits der Propaganda

Blick auf die Ukraine-Krise

Wir sitzen zusammen an einem Mittwochabend in der Mensa. Alexander und Iryna sind beide gebürtige Ukrainer. Eugeny, Evgeniya und Boris kommen aus Russland. Yuriy stammt aus Weißrussland. Meine Gesprächspartner studieren Politik oder Volkswirtschaftslehre und haben sich bereit erklärt, über die Ukraine-Krise zu reden. Mein Artikel soll ihre Meinungen zu diesem Thema abbilden und meinen Kommilitonen eine Stimme geben.

Was hat die Ukraine-Krise ausgelöst, möchte ich in erster Linie wissen. War es die Ablehnung des ex-ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen? Alexander schüttelt mit dem Kopf: „Es ging bei den Protesten auf dem Maidan nicht um das Assoziierungsabkommen mit der EU. Die Mehrheit der Ukrainer wusste nicht genau, was dieses Abkommen überhaupt bedeutet.“ Es waren ein paar hundert jungen Menschen, die sich im November 2013 noch vor der geplanten Unterzeichnung des Abkommens mit der EU an Protestaktionen gegen die Regierung beteiligt hatten. Die Regierung von Janukowitsch unterdrückte die Proteste brutal und löste somit eine Wut-Welle der Bevölkerung aus. „Dieses Abkommen ist dann plötzlich zu einem Symbol geworden, zu einem Symbol für die Zukunft, für ein besseres Leben“, so Alexander. Man erklärt mir weiter, dass die wirtschaftliche Lage in der Ukraine inzwischen so miserabel war, dass es auf einmal zu einer Kettenreaktion kam. Die Proteste weiteten sich aus, das ukrainische Volk war sich mehrheitlich einig, dass das Land einen neuen Anfang braucht. Alexander betont, dass es bei dieser Krise nicht alleine um die Orientierung nach Westeuropa geht, es geht darum, dass man das Land ändern möchte. Die EU sei kein Ziel, sondern ein Mittel zum Ziel, und obwohl die Kommilitonen aus der Ukraine nicht genau wissen, was Europa einem bringen wird, sind sie sich jedoch sicher, dass man mit Russland keine Perspektive hat – mit Russland würde alles beim Alten bleiben.

Ich möchte trotzdem wissen, wie meine Gesprächspartner die Abkühlung der Beziehungen zwischen Kiew und Moskau empfinden, schließlich besteht zwischen den beiden Völkern eine besondere Verbindung. Die Antwort kommt prompt und ist eindeutig: Die Abkühlung der Beziehungen mit Russland sei eine natürliche Reaktion auf die Handlung von einem langjährigen Partner und Brudervolk. Im wichtigsten Moment hat Moskau nicht das ukrainische Volk unterstützt, sondern den korrupten Präsidenten, der von dem ganzen Land gehasst wurde. Ein Teil der Ukraine wurde besetzt und annektiert, und in einem anderen Teil des Landes würden dank dem Kreml Kriegszustände herrschen. Wie kann man unter diesen Umständen die Russische Föderation als Partnerland ansehen, fragt man empört.

Die Kommilitonen aus Russland hören aufmerksam zu, und schweigen. Ich weiß nicht, wie ich ihre Zurückhaltung interpretieren soll: als Zustimmung, stillschweigende Ablehnung? Oder ist man überrascht, wie tief der Kreml das ukrainische Volk enttäuscht hat?

Evgeniya meldet sich zwischendurch zu Wort, ich merke, dass sie die Position von Alexander und Iryna deutlich verstehen möchte. Wenn man sich einig ist, dass das Land sich ändern muss, wie soll das erfolgen? Haben die Ukrainer einen Plan? Schließlich wurde in der Runde wiederholt, dass man sich von den Beziehungen zu Russland nichts Gutes erhofft, und für den EU-Markt ist die Ukraine nicht wettbewerbsfähig. Yuriy, der gebürtige Weißrusse antwortet dazu, dass für die Ukraine kurzfristig alle Optionen schlecht seien. Geht man nach Russland, hat man keine Perspektive. Schaut man nach Europa, gibt es wenigstens langfristig eine Perspektive. Und was nützt es einem, dass die Ukrainer ihre Produktion nach Russland exportieren können, schließlich geht es um die Veränderung der Verhältnisse in diesem Land, nicht um Absatzmärkte.

Wir kommen dazu, über die Annexion der Krim zu reden. Alle drei Kommilitonen aus Russland verurteilen Moskaus Vorgehen auf der Krim. Selbst Boris, der offen zugegeben hatte, dass er sich für Politik nur wenig interessiert, war schockiert als die Krim annektiert wurde. Er kann immer noch nicht glauben, dass so etwas im 21. Jahrhundert möglich ist.

Es lässt sich in diesen Momenten deutlich spüren, wie verbittert die ukrainische Seite von diesem Ereignis ist. „Die ganze Welt hat uns in dem Moment verlassen, als die Krim annektiert wurde. Hat jemand interveniert, wo war die Welt?“ fragt Alexander und zeigt Unverständnis dafür, dass gerade der Kreml es gewagt hat, das System, das nach dem zweiten Weltkrieg herrscht, zu zerstören. Eugeny spricht dazu auch Klartext: Die Krim-Annexion ist unrechtmäßig gewesen: „Wir sollten die Krim zurückgeben, das wird aber nicht passieren, solange die Russische Föderation besteht.“
Ich frage nach, ob die Auswirkungen der politischen Spannungen zwischen den beiden Regierungen bereits auf der Völkerebene spürbar sind. Iryna nickt und bedauert gleichzeitig sehr, dass die zwei Völker sich nicht mehr mögen. Es gäbe aber nach wie vor Teile der Bevölkerung, sowohl in der Ukraine als auch in Russland, die sich nicht in einen Hasszustand treiben lassen wollen. Evgeniya betont auch, wie sehr sie sich wünscht, dass die Ukrainer und die Russen sich nicht gegenseitig hassen, auch wenn die Politik falsch ist.

Ich frage in die Runde, ob der Ton, mit dem die öffentliche Debatte um die Ukraine-Krise geführt wird, als angemessen bezeichnet werden kann. Schließlich sind Vergleiche zwischen Hitler und Putin keine Seltenheit mehr. Evgeniya zeigt sich darüber empört: „Ich möchte Putin nicht schützen, aber der Vergleich ist einfach krass. Putin tötet doch keinen.“

Wir reden über die Separatisten in der Ost-Ukraine, und die nächsten Meinungsunterschiede zeichnen sich ab. Eugeny fragt mich: „Warum nennst du sie Separatisten? Man kann sie auch Freiheitskämpfer nennen. Warum werden die Separatisten in Syrien als Freiheitskämpfer bezeichnet, aber diejenigen, die in der Ukraine für ein Stück Land kämpfen, als Terroristen dargestellt? Die Freiheitskämpfer in der Ost-Ukraine müssen auch eine Stimme haben und dürfen nicht abgeschlachtet werden.“ Ich frage nach, ob meine Gesprächspartner einverstanden sind, dass die aktuelle Regierung in Kiew mit den Separatisten nicht verhandeln möchte. Alexander erzählt, dass die Separatisten untereinander sehr gespalten seien. Es gebe niemanden, der sowohl die Bevölkerung dieser Regionen, als auch die anderen „Freiheitskämpfer“ hinter sich habe. Gleichzeitig macht der Student deutlich, dass die Regierung den Separatisten oft genug angeboten habe, die Waffen niederzulegen und den Konflikt zu beenden. „Wenn sie es bisher nicht getan haben, dann sollten die Menschen, die eine Waffe in der Hand haben, militärisch bekämpft werden, weil sie Feinde sind.“

Nach zwei Stunden setzen wir unser Gespräch im Juridicum fort – die Mensa muss schließen. Dabei sind nur noch Alexander, Eugeny und Evgeniya. Was würden sie den verantwortlichen Politikern ausrichten, möchte ich zum Schluss wissen.

Eugeny und Evgeniya sind der Meinung, dass die „Großmächte“ sich in diesen Konflikt am besten nicht einmischen sollten. Für die Ukraine wäre besser, kein Abkommen mit der EU zu unterzeichnen. Das Geld, das von der EU kommt, sei kein Geschenk, sondern es sei ein Kredit, der später mit Zinsen zurückgezahlt werde. Mit Bezug auf unsere Diskussion, zeigt sich Eugeny irritiert, dass im Laufe des Abends niemand erwähnt hat, dass die Proteste auf dem Maidan von dem Ausland finanziert wurden und dass die Kommilitonen aus der Ukraine kein Mitleid für die Kämpfer im Osten der Ukraine gezeigt haben: „Die Ukraine besteht aus zwei Völkern und es sieht so aus, als ob im Moment nur ein Teil der Bevölkerung eine Stimme hat. Das hat mit Demokratie nichts zu tun.“ Evgeniya sagt mir, dass wir im Laufe dieses Abends alles gehört haben, was wir schon tausendmal in den Nachrichten gesehen hätten. Das zeige, wie stark der Einfluss der Propaganda sei, und dass es uns mittlerweile schwer falle, alleine über dieses Thema nachzudenken. Zum Schluss betont sie, dass die Ukrainer selber entscheiden müssten, was sie wollen. Nicht zuletzt bedauert sie, dass man so viel über Politik und so wenig über die Menschen dort geredet habe.

Alexander möchte der russischen Seite ausrichten, dass sie sich für die Interessen des eigenen Volkes und des eigenen Landes einsetzen und nicht den Traum von „Großrussland“ verfolgen sollte. Die neue ukrainische Regierung, die eine große Verantwortung ihrem Volk gegenüber trägt, müsste darüber nachdenken, was sie für ihr Land machen kann – die Hoffnung der Menschen auf dem Maidan darf nicht verraten werden.

Das Krisen-Management des Westens bezeichnet Alexander als schlecht. „Das, was wir in diesem Kampf um die Ukraine sehen, das ist eigentlich eine tiefgründige Existenzkrise der EU. Diese Krise hat für mich das weitere Bestehen dieser Union infrage gestellt. Wenn die EU weiter bestehen möchte, muss sie lernen, Stärke zu zeigen. Die europäischen Politiker müssen begreifen, dass man härter durchgreifen muss, wenn man die eigenen Interessen durchsetzen möchte, auch wenn die eigenen Geschäftsleute flehen, es nicht zu tun. Stärke heißt manchmal: Verzicht auf Rendite.“

Auch das Juridicum muss inzwischen zumachen. Ich danke meinen Kommilitonen, dass sie dabei waren. Wir verabschieden uns mit Handschlag und lächeln dabei, trotz unterschiedlicher Meinungen, trotz verletzter Nationalgefühle.

Darum geht’s

Ende November 2013 kam es in Kiew zu gewaltsamen Protesten gegen die ukrainische Regierung, dessen Präsident, Viktor Janukowitsch, die Unterschreibung eines Assoziierungsabkommens mit der EU abgelehnt hatte. Die Proteste dauerten zwischen November 2013 und Februar 2014 an und erwirkten die Absetzung des Präsidenten und vorgezogene Präsidentschaftswahlen. Ende Februar 2014 verlagerte sich die Ukraine-Krise auf die Halbinsel Krim als Folge des Misstrauens russischer Bevölkerung auf der Krim gegenüber der provisorischen pro-westlichen Regierung in Kiew. Nachdem bei einer Volksabstimmung auf der Halbinsel am 16. März 96,6% der Menschen für einen Russland-Beitritt gestimmt hatten, wurde die Halbinsel Krim von der Russischen Föderation annektiert. Die Ukraine, die USA und die EU betrachten das Referendum als völkerrechtswidrig und erkennen die Abspaltung der Ukraine nicht an. Im Südosten der Ukraine, in den Regionen Donezk und Lugansk kam es ebenfalls zu Konfrontationen zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Kräften. Am 25. Mai fand die Präsidentschaftswahl in der Ukraine statt, bei welcher Petro Poroschenko als Sieger hervorging. Die Auseinandersetzungen zwischen den Separatisten im Osten des Landes und der ukrainischen Armee dauern an, der neue Präsident macht sich stark für ein Ende des Konflikts. Stand: Anfang Juni 2014

Meuterei in der RB 48

(K)ein Kommentar

Über dem Kölner Südbahnhof kreisen die Geier, denn sie riechen die Verzweiflung der Pendler: Ich stehe am Gleis 1 und durch die Kopfhörer läuft „The Hellbound Train“ von Those Poor Basterds, der Regionalexpress hat an diesem Montag mal wieder Verspätung und die einfahrende Regionalbahn 48 ist überfüllter als eine U-Bahn in Tokio. … He blowed the whistle and rung the bell / And the devil says „Boys, the next stop is hell!“ / And all of the passengers yelled with pain / And begged the devil to stop the train …
All diejenigen unter euch, die ebenfalls nach Bonn pendeln, sei es von Köln aus oder von sonstwo, werden das Drama kennen: Die meisten Züge haben Verspätung und wenn sich doch mal einer von ihnen zu einer Haltestelle verirrt, scheint er vor stickiger Luft, verschwitzten Leibern, Grundschülern und Gewaltpotential zu platzen. Nimm einen letzten Mutschluck aus dem Flachmann, fahr die Ellenbogen aus, küsse deine Kinder “Goodbye“ und wirf dich ins Getümmel. Da stehst du dann zunächst einmal nach Luft ringend und eingequetscht zwischen schlecht gelaunten Linksaufstehern und wenn du Glück hast, geht die Fahrt schnell vorbei, doch meistens hat man Pech. Denn um andere Züge vorzulassen, wird die Fahrt immer wieder unterbrochen und die Menschen werden noch genervter und gereizter – Tod und Elend in der RB 48.

Mit einer Stimme, die über die Lautsprecher klingt, wie irgendetwas zwischen einem Funkspruch in den Schützengräben Verduns und Darth Vader, verkündet der Zugführer an diesem Tag, dass „sich die Weiterfahrt aufgrund einer Überholung durch einen verspäteten Zug um einige Minuten verzögern wird“. Wüste Flüche und Schimpftiraden aus den Waggons sind die Antwort. Der arme Mann muss sich fühlen wie Will Bligh, denke ich, Leutnant der legendären Bounty, die er bei einer Meuterei an die Denunzianten verlor, welche ihn daraufhin in einem Beiboot auf dem Südpazifik aussetzten und zum Teufel schickten. Bligh überlebte zwar, aber werden wir heute Morgen genauso viel Glück haben wie er? Was dann nämlich an Bord der Regionalbahn passiert, lässt sich kaum in Worte fassen: „Es war grauenvoll“, soll später ein traumatisierter Fahrgast zu Protokoll geben, der noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen ist. Im ausgebrannten und demolierten Wrack werden Bergungstruppen später das Logbuch des Zugführers finden, aus dem ich, Gott sei seiner Seele gnädig, nun zitieren möchte: >>Station 1: Die Stimmung an Bord wird zunehmend gereizter. Die Menschen, die eng aneinandergedrückt werden, scheinen durch den beißenden Schweißgestank, der die Gesichtszüge entgleisen lässt und sich tief in die Großhirnrinde brennt, langsam kirre zu werden und auch das Zugpersonal wird zunehmend nervöser. … Ich hoffe nur, wir haben noch genügend Orangen gelagert. Station 2: Langsam befürchte ich, dass wir niemals im Bonner Hauptbahnhof einlaufen werden! Der erste Schaffner ist an Skorbut erkrankt und der Rest ist durch die täglichen Anfeindungen der ausgemergelten und aggressiven Fahrgäste bereits fast vollständig demoralisiert. Ich muss mir etwas einfallen lassen; sonst –  beim allmächtigen Herrn – sind wir alle verloren! Station 3: Wie schmerzlich vermisse ich meine Frau und meine Kinder, ich hoffe sehnlichst, sie bald wieder zu sehen, falls wir diese Hölle überstehen. Bei der letzten Station wollte sich eine Frau mit Fahrrad in das überfüllte Fahrzeug drängeln – nur der beherzte Einsatz von Tasern und Pfefferspray konnte den erzürnten Lynchmob von Passagieren davon abhalten, sie bei voller Fahrt durch die notgeöffnete Ein- und Ausstiegsluke gehen zu lassen. Ich habe schon ganz vergessen, wie es ist, frische, unverbrauchte Luft in meinen Lungen spüren … das Festland, das Festland, es fehlt mir so sehr! Station 4: Wir fahren unter schwarzer Flagge! Ich habe mich in der Fahrerkabine verbarrikadiert, die Türe zugenagelt, als sie versucht haben, sie einzutreten. Von draußen dringen Geräusche zu mir durch, die mich nachts nicht schlafen lassen. Schüsse fallen, ich kann sie gedämpft hören, Fingernägel kratzen an der Türe meiner Kabine, die mir nun als Panic Room dient. Meine Konserven gehen zur Neige und wenn ich aus dem Fenster meines Führerstandes schaue, sehe ich dicken schwarzen Qualm aus dem Fahrzeug in die rußige Morgenluft steigen<<. Ich werde im Stehen (man fällt zwischen so vielen Menschen schließlich nicht um) von einer vertrauten Stimme aus meinen fieberhaften Albträumen geweckt: Es ist wieder Darth Vader, der diesmal über die Lautsprecher verkündet, dass wir in Kürze den Bonner Hauptbahnhof erreichen werden. Als es endlich soweit ist und sich die Türen des Zuges öffnen, strömen mir Sonnenstrahlen und Böen frischer Luft entgegen und ich sinke auf die Knie für ein Dankgebet – das Festland, das Festland, es fehlte mir so!

Kunstecke

Katja Kemnitz

Katja Kemnitz fotografiert so oft wie möglich und wird von allem inspiriert, was ihr begegnet. Ein gutes Foto lasse den Betrachter nicht unbeeindruckt, meint sie, es müsse ihn berühren, nach Möglichkeit überraschen und zum Nachdenken anregen. Das sei wichtiger als Perfektion und ausgefeilte Technik. Obwohl Katjas Fotos sich auch in dieser Hinsicht nicht verstecken müssen.

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