»Ich mache nur das, was mir gefällt«

LEUTE  Johannes Fröse fällt auf. Der Bonner Student ist durch seinen außergewöhnlichen Kleidungsstil ein Hingucker. Im Interview spricht er über seinen Spitznamen, Hochzeitsanzüge und sein Selbtsbewusstsein.

INTERVIEW PHILIPP BLANKE

Johannes Fröse ist 24 Jahre alt und studiert Politikwissenschaft. Er ist Mitglied im Kuratorium von Bonn International Model United Nations (BIMUN). Auf Facebook betreibt er gemeinsam mit einem Partner die Seite »Everyday Excellence – Style & Urban Sophistication«. Sein Spitzname lautet »John Frose«.

Johannes Fröse ist 24 Jahre alt und studiert Politikwissenschaft. Er ist Mitglied im Kuratorium von Bonn International Model United Nations (BIMUN). Auf Facebook betreibt er gemeinsam mit einem Partner die Seite »Everyday Excellence – Style & Urban Sophistication«. Sein Spitzname lautet »John Frose«. (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

AKUT   Ich bin wegen deiner beiden Namen ein wenig verwirrt. Soll ich dich mit John oder Johannes ansprechen?

JOHN   Ich stelle mich natürlich in der Regel mit John vor. Das hat immer viel mit Internationalität zu tun. Wenn ich in den USA bin zum Beispiel, dann sage ich halt John.

AKUT   Warum der Wechsel?

JOHN   Das war eine Zeit, in der ich mehr angefangen habe, soziale Netzwerke zu nutzen und online zu sein. Und da überlegt man sich halt ein Konzept. Das soll jetzt aber nicht wie ein Marketingkonzept klingen.

AKUT   Sondern?

JOHN   Naja, die Leute nennen mich einfach John. Auch meine Freunde nennen mich so. Es ist ein Spitzname.

AKUT   Aber du hast dich Ihnen ja dann auch so vorgestellt.

JOHN   Ich würde es nicht machen, wenn es nicht angenommen werden würde. Ich muss damit klarkommen, dass die Leute mich nennen, wie sie mich nennen wollen – solange es sich nicht künstlich anfühlt, hab ich damit kein Problem.

AKUT   Du hast nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Verwaltung der Städteregion Aachen geleistet. Wie hat dich das geprägt?

JOHN   Ich habe dort eine professionelle Umgebung kennengelernt. Vor allem, wie man an politische Probleme herangeht.

Auch mein Kleidungsstil hat sich dort entwickelt. Denn ich habe mich gefragt: Muss ich jetzt jeden Tag Hemd und Sakko tragen?

AKUT   Von da an hast du dich auch mit Mode beschäftigt?

JOHN   Genau. Ich habe in einem Umfeld gearbeitet, in dem ich repräsentieren musste. Ich war halt Mitarbeiter der Städteregion Aachen, und habe das entsprechend ernst genommen.

AKUT   War das eher eine Anpassung an dein Umfeld, oder deine innere Überzeugung?

JOHN   In den ersten drei Monaten war es definitiv Anpassung. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich mich im Sakko einfach wohler fühle als im Pulli.

AKUT   Neben deinem Studium arbeitest du als Verkaufsberater bei Peek & Cloppenburg. Wie berätst du die Leute?

JOHN   Das ist etwas, was ich natürlich lernen musste. Ich habe das früher nur für mich gemacht und geschaut, welche Farben oder Schnitte mir gefallen. Jetzt muss ich darauf achten, was meinen Kunden gefällt. Welchen Geschmack haben sie? Und da merkt man, dass Mode nicht das Wichtigste auf der Welt ist.

AKUT   Warum?

JOHN   Wenn ich einen Kunden habe, der einen Hochzeitsanzug sucht, dann muss es nicht der perfekte Anzug sein. Es muss nur ein Anzug sein, in dem er sich wohlfühlt.

AKUT   Gibt es einen guten Geschmack?

JOHN   Nein, es gibt nur populären Geschmack – solcher, der Leuten gefällt. Ich habe lediglich einen Geschmack, der mir besser gefällt als anderen.

Ich bin da einfach auch oberflächlich. Ich mag die schönen Dinge im Leben. Für mich ist ein guter Anzug dasselbe wie eine gute Uhr oder ein guter Scotch.

AKUT   Würdest du den Charakter einer Person ihrer Oberfläche vorziehen?

JOHN   In meinem persönlichen Umfeld definitiv, ja. Ich kann nur nicht verleugnen, dass es bei mir diese Oberflächlichkeit gibt.

AKUT   Wann kam dir die Idee zu »Everyday Excellence«?

JOHN   Für mich war das schon immer das, was ich haben wollte. Es waren zwei Gegebenheiten. Ich war auf einem Wochenendseminar während meines FSJ. Es war auf dem Land und ziemlich langweilig. Ich habe dann ein Outfit zusammengestellt und ein Foto von mir gemacht. Und das ist eine Momentaufnahme gewesen, die für mich das Gefühl von »Everyday Excellence« verkörpert hat: aus den Umständen immer das Beste rausholen.

AKUT   Das heißt konkret?

JOHN   Ich möchte immer das Gefühl haben, jederzeit rausgehen zu können und alles machen zu können. In die Oper gehen, in eine Kunstausstellung, oder einen Kaffee trinken. Einfach etwas breiter zu leben.

AKUT   Ist deine Facebookseite dann ein Appell, sich mehr für Mode und Drinks zu interessieren? In diesem Sinne dann breiter zu denken?

JOHN   So philosophisch würde ich das jetzt nicht sehen. Es geht um Mode, Design und Lifestyle. Das sind interessante Sachen, aber nichts Weltbewegendes. Es geht mir ums Inspirieren, weniger ums Appellieren. Wem es gefällt, dem gefällt es.

AKUT   Wann gab es den zweiten Moment?

JOHN   Ich war in Berlin und bin am Potsdamer Platz spontan in die Bar des Hotels The Ritz-Carlton gegangen. Da hat sich dann mein Interesse für Barkultur entwickelt.

AKUT   Was fasziniert dich an einer Hotelbar?

JOHN   Die Atmosphäre vor allem. Ich fühle mich dort durch dieses Kommen und Gehen von Menschen sehr inspiriert.

Johannes Fröse (F

Johannes Fröse: »Ich möchte immer das Gefühl haben, jederzeit rausgehen zu können und alles machen zu können.« (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

AKUT   Du bist in deinem ersten Semester zu BIMUN gegangen. Was hat dich dort hingezogen?

JOHN   Da waren einfach gute und überzeugende Leute. Diese institutionelle Organisation mit einem Vorstand, und die damit verbundene Verantwortung.

AKUT   Wie hast du dich dort engagiert?

JOHN   Hauptsächlich in der Medienarbeit. Ich mag das einfach, weil ich gerne viel rede.

AKUT   Was machst du heute dort?

JOHN   Ich bin für drei Jahre ins Kuratorium gewählt worden und dort für die PR-Beratung zuständig.

AKUT   Woher kommt dein Interesse für Politik?

JOHN   Einmal das FSJ und zwei Bücher. 1984 von George Orwell, und eine wenig akademische Zitatesammlung von Marx, die ich während meiner Beschäftigung mit der DDR gelesen habe. Das war in der achten Klasse.

AKUT   Warum hast du dich schlussendlich für ein Politikstudium entschieden?

JOHN   Ich habe auch überlegt, ein duales Studium in der Verwaltung zu machen, was karrieretechnisch wohl am sinnvollsten gewesen wäre – aber das war mir relativ egal. Es wäre mir zu trocken gewesen.

AKUT   Wie gehst du mit Erwartungen um, die andere an dich stellen?

JOHN   Also grundsätzlich mache ich nur das, was mir gefällt. Ich tue etwas nicht, weil ich damit Geld verdienen kann, oder es für meine Karriere gut ist. Jeder erfüllt natürlich gerne Erwartungen, aber man kann es halt nicht. Ich bin einfach davon überzeugt, dass mein Studium, BIMUN, und die Facebookseite mich weiterbringen. Und ja, ich habe auch Zukunftsangst. Jeder der behauptet es nicht zu haben ist verblendet oder lügt.

AKUT   Bist du selbstbewusst?

JOHN   Im Sinne der Reflexion über mich selbst: Ja. Im Sinne von Selbstsicherheit: Nicht unbedingt. Jemand, der sehr selbstsicher auftritt, der handelt dann, ohne Zweifel daran zu haben. Und die habe ich definitiv. Klar, es braucht auch Selbstsicherheit, um meine Outfits zu kombinieren und zu tragen. Aber Selbstbewusstsein klingt immer so kritikresistent. Das bin ich nicht.

AKUT   Wie fühlt sich das an, wenn dir jemand sagt, dass er dich nicht mag?

JOHN    Ich finde das erstmal amüsant, weil man damit rechnen muss, und weil man es kennt. Bei einer Konferenz habe ich das mal erlebt. Am letzten Tag sagte mir die Person: »Eh, du bist schon so ein ziemlich arrogantes Arschloch, ne? Und ich bin auch nicht die einzige, die so denkt.«

AKUT   Und was hast du dann gesagt?

JOHN   Ich war erstmal überrascht, denn sie hat es dann ja lange zurückhalten können. Ich hab ihr dann gesagt, sie sei nicht die erste. Und klar, da berührt es einen. Ich bin nicht eiskalt und auch nur ein Mensch. Aber davon lasse ich mich ja nicht abhalten.

AKUT   Wieso gibst du nicht nach und passt dich an?

JOHN   Weil mich mein Stil selber antreibt und ich es selber für mich brauche. Ich denke, dass ich nicht wirklich jemanden mit dem Tragen eines Sakkos verletze. Es ist doch vollkommen egal, was Leute tragen. Es geht nicht um den Klimawandel oder Syrien. Die Person, die mich da dumm anguckt, mit der habe ich ja nichts zu tun. Also, wo habe ich sie verletzt oder ihre Freiheit eingeschränkt?

AKUT   Was ist dein Ausgleich für diese Ablehnungen?

JOHN   Der Ausgleich ist der Ausgleich. Wenn ich mich abends auf einen Drink hinsetze, ist das für mich der Ausgleich. Ich fühle mich gut damit. 

Liebe Bachelorarbeit

BETRIFFT: BA  Alle Studierenden werden früher oder später mit ihr konfrontiert. Dass man dabei eine besondere Beziehung zur eigenen Bachelorarbeit aufbaut, wird einem jedoch erst klar, wenn man sich von ihr verabschieden muss.

VON CHARLOTTE KÜMPEL

Sooo viel Wissen: Arbeiten im Prüfungsbüro der Philosophischen Fakultät

Sooo viel Wissen: Arbeiten im Prüfungsbüro der Philosophischen Fakultät (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Liebe Bachelorarbeit,

ich mache Schluss mit dir. Nach gerade einmal drei Monaten. Wir hatten unsere Zeit, doch jetzt reicht es. Man sagt doch immer: Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Tja, das mit uns war nicht immer schön. Zugegeben, es lag sehr oft an mir. Vielleicht habe ich dich das ein oder andere Mal enttäuscht, dich ab und zu links liegen gelassen, war sogar eventuell auch mal kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Aber sag bloß nicht, du hättest meinen Unmut nicht verdient! »Eine etwas längere Hausarbeit«, so nannten die Dozenten dich. Doch du warst viel mehr als das, hast mir viel mehr abverlangt. Ich habe dich völlig unterschätzt.

Dank dir waren meine sozialen Kontakte in den letzten paar Wochen fast nur auf WhatsApp-Gruppen, MensaDates mit Leidensgenossen und das Personal der Bibliothek beschränkt. Während viele andere ihre vorlesungsfreie Zeit genutzt haben, um ganz Europa zu erkunden, war meine weiteste Reise die geglückte Fernleihe. Dank dir habe ich außerdem etwas zugelegt, denn ich habe mich selten so schlecht ernährt. Schließlich musste jede fertige Seite mit einem Schokoriegel belohnt werden. Oder auch mal mit zwei. Dank dir bin ich obendrein nur ein weiteres Opfer der Bologna-Reform. Im Prinzip bist du gar nicht mal so viel wert, wie du tust, denn gerade in den Geisteswissenschaften macht erst ein Master-Abschluss wirklich etwas her. Du bist doch nur eine von vielen Bachelor-
arbeiten da draußen.

Aber eigentlich darf ich mich nicht beschweren. Immerhin wusste ich, worauf ich mich einlasse.

Das Schlimmste ist aber, dass du gerade einmal zwölf Leistungspunkte wert bist. Zwölf! Du zählst also nur genauso viel wie eine Prüfung in meinem Begleitfach. Wofür also der ganze Aufwand, all die Mühe? Du wirst dich eh nicht sonderlich auf meine Abschlussnote auswirken, und einen Masterplatz habe ich doch auch schon.

Doch, liebe Bachelorarbeit, das mit uns war nicht nur schlecht. Es war eine besondere Form der Hassliebe. Nicht einmal die Hausarbeit, mit der ich nebenbei noch was am Laufen hatte, konnte einen Keil zwischen uns treiben. Irgendwo muss ich dir nämlich auch danken.

Denn dank dir habe ich eine neue Lieblingsserie, mit deren Folgen ich mich jeden Abend nach getaner Arbeit an dir belohnt habe. Naja, manchmal sogar mit zwei Folgen, ohne vorher an dir rumgewerkelt zu haben. Ein Hoch auf die Prokrastination! Dank dir hatte ich in den letzten Wochen außerdem eine verdammt gute Ausrede, wenn ich einfach mal keine Lust hatte, freitagabends rauszugehen. Um ehrlich zu sein, hat es mir sogar ab und zu Spaß gemacht, dich zu schreiben, weil du thematisch eigentlich ganz schön interessant warst.

Jetzt sind wir jedoch am Ende angekommen, du und ich. Ich habe dich nun abgegeben, in dreifacher Ausführung, und in der Hoffnung einfach nur bestanden zu haben. Denn ein zweites Mal möchte ich mir das mit dir nicht antun. Um ehrlich zu sein, bin ich verdammt froh, dass ich dich endlich los bin. Manchmal soll es wohl einfach nicht sein. Dabei lag es nicht an dir, sondern an mir. Ich muss weiterziehen. In nicht allzu langer Zeit wärst du sowieso durch die Masterarbeit ersetzt worden. Deshalb musste es so kommen. Und natürlich wegen der Abgabefrist.

Doch jetzt mal ehrlich: Alles in Allem war es eigentlich gar nicht so schlimm. Diese Erfahrung machen viele. Und alle kommen drüber hinweg! Also auch du und ich, liebe Bachelorarbeit. Mach’s gut!


Welche Beziehung hast du zu deiner Bachelorarbeit? Erzähle uns deine Geschichte auf unserer Facebook-Seite oder bei Twitter!


IB? Wollen wir nicht!

HOCHSCHULZUGANG  Immer mehr Schulen in Deutschland bieten ihren Schülern als Alternative zum Abitur das International Baccalaureate als Schulabschluss an. Kein Schüler rechnet jedoch mit den Steinen, die ihm damit an deutschen Unis in den Weg gelegt werden.

VON MAX DIETRICH

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Schön warm (Foto: Linnéa Nöth / AKUT)

Zur Erklärung: Das International Baccalaureate Diploma, kurz IB, ist ein allgemeinbildender Schulabschluss, der, soweit so offensichtlich, weltweit angeboten wird. Der besondere Reiz ist dabei, dass jeder Schüler nach den gleichen Kurrikula unterrichtet wird und die gleichen Prüfungen schreibt, die dann anonym und schulunabhängig korrigiert werden. So ist das IB transparenter und vergleichbarer als viele nationale Schulsysteme, weshalb es von den Universitäten vieler Länder umstandslos anerkannt wird.

Die nennenswerte Ausnahme ist Deutschland: Das IB wird hierzulande als gleichwertige Hochschulzugangsberechtigung anerkannt, zumindest solange bestimmte Fächerkombinationen eingehalten werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich, wie mit dem Abitur, direkt bei jeder Universität bewerben kann. Stattdessen führt der Weg in der Regel über die Zeugnisanerkennungsstellen der Bundesländer. Da diese ihre Zulassungen jedoch auf ihr eigenes Bundesland beschränken, muss der Prozess für jedes Bundesland einzeln durchlaufen werden. Wenn dann noch die teils hohen Bearbeitungsgebühren und unklaren Zuständigkeiten dazu kommen, ist die Frustration perfekt.

Obwohl umständlich und zeitraubend, ist das jedoch nicht einmal die Hauptproblematik: Diese liegt in der erzwungenen Notenumrechnung bei der Zulassung, die das IB systematisch herabmindert. Mit der Anerkennung wird die erreichte Gesamtpunktzahl des IB in eine Abiturnote umgerechnet, über die das restliche Anmeldungsverfahren läuft. Das Umrechnungsverfahren, das von der Kultusministerkonferenz beschlossen wurde, wertet jedoch die Leistungen der IB-Schüler erheblich ab. Sie ignoriert die Bestnoten von 45 bis 42 Punkten, und setzt sie insgesamt einer 1,0 gleich, womit außergewöhnliche Ergebnisse wie 45 Punkte, die nur 0,3 Prozent der Absolventen erreichen, einfach nicht gewürdigt werden. Um die völlig unterschiedlichen Notenskalen gleichzusetzen, entstehen bei der Umrechnung zudem Notensprünge: Eine 1,2 etwa ist rechnerisch gar nicht möglich. Dass so ein »Umrechnungszuschlag« von 0,1 bei Bewerbungen für NC-Studiengänge fatal sein kann, ist jedem klar.

Dieses Vorgehen wäre verständlich, wenn sehr gute Ergebnisse im IB häufiger erzielt würden als im Abitur. Jedoch ist das Gegenteil der Fall. Die Durchschnittsnote in Nordrhein-Westfalen lag 2014 bei 2,5, der umgerechnete Durchschnitt im IB jedoch bei 2,9 oder 30,1 Punkten. Alle Bundesländer haben bessere Durchschnittsnoten als das IB. Noch deutlicher wird es bei den Absolventen mit Noten zwischen 1,0 und 1,5. In NRW schafften dies 9,3 Prozent der Abiturienten, andere Bundesländer liegen deutlich höher. Im IB erreichten den äquivalenten Notenbereich nur etwa 4,7 Prozent der Absolventen.

Zwei so gänzlich unterschiedliche Schulabschlüsse zu vergleichen ist schwierig und erfordert weit mehr Detail als hier möglich ist. Es steht aber außer Frage, dass Abitur und IB zumindest gleichwertig sind. Wie kann es dann also sein, dass IB-Schüler nur aufgrund der Tatsache, dass sie einen etwas anderen Bildungsweg gewählt haben, im Zulassungsverfahren der Unis kategorisch benachteiligt werden?

Es gibt kein simples Patentrezept, mit dem sich das Problem aus der Welt schaffen ließe. Die bisherige Strategie der Angleichung auf Biegen und Brechen jedoch kann und wird auf Dauer nicht die Lösung sein.


Tintenfische bauen keine Raketen

RUBRIK BEKANNTE ABSOLVENTEN  Wenn es im Fernsehen um Wissenschaft geht, ist Harald Lesch nicht weit. Am Telefon erklärt der Astrophysiker und Fernsehmoderator, warum Physik ohne Philosophie nicht funktioniert und was wir mit Außerirdischen gemeinsam haben.

INTERVIEW ALEXANDER GRANTL

Obenauf – Harald Lesch beim Dreh des Vorspanns von »Leschs Kosmos« in München

Harald Lesch beim Dreh des Vorspanns von »Leschs Kosmos« in München (Foto: ZDF / Jens Hartmann)

AKUT   Wie war Ihre Studienzeit in Bonn?

LESCH   Am Anfang war ich ein bisschen geschockt. Die Uni Bonn war doch deutlich größer als die Uni Gießen, wo ich davor ein Physikstudium begonnen hatte. Die Physik in Gießen hatte eine familiäre, friedliche Atmosphäre, während die in Bonn schon ein echter Brummer war. Und die Vorlesungen waren immer sehr voll – das war mir erst mal alles nicht so geheuer. Aber das wurde immer besser. Nach dem ersten Semester war das Heimweh weg und ich wusste, diese Uni ist ein super Laden.

Und das Rheinland ist zum Studieren einfach die angenehmste Region in Deutschland. Ich bin Oberhesse und dieses rheinländische »Auf einen Zugehen« habe ich sonst nirgendwo in Deutschland erlebt. Wie der Moment, wenn man in der Kneipe steht und einer fragt: »Isch hab disch hier noch nie jesehen, wat machst’n du?« Oder, wenn man neu eingezogen ist, und die Vermieterin gleich mit einem Kaffe vorbeischaut: »Sie haben doch noch sischerlich keinen Kaffee jekocht, isch hab Ihnen da mal wat mitjebracht.« Dabei ist sie eigentlich neugierig und will nur wissen, wer man so ist. Das ist für einen Neuankömmling natürlich wunderbar und hat das Studieren in Bonn unglaublich schön gemacht.

AKUT   Und Sie haben während Ihres Studiums Kabarett gespielt.

LESCH   Ja, an der Volkshochschule in Siegburg. Das Kabarett ist für mich eine höchst moralische Institution, das ist keine Comedy. Alle, die politisches oder literarisches Kabarett machen, wollen der Welt tatsächlich etwas sagen. Entweder zeigen sie nur auf einen Missstand, oder sie sagen gleich, wie es richtig laufen müsste. Das ist also ein höchst normativer Humor – und ich glaube, dass ich das auch bei mir im Fernsehen durchziehe.

Und ich bin das, was man Rampensau nennt. Sie können mich vor ein paar hundert oder tausend Leute stellen – da bekomme ich kein Lampenfieber. Die Fähigkeit, mich auf eine Bühne zu stellen und vor Fremden frei zu sprechen, habe ich erst beim Theaterspielen entwickelt. Daher kann ich allen, die mal als Professor oder Professorin an die Uni wollen, nur raten: Macht vorher ein paar Theaterkurse, spielt Kabarett, stellt fest, ob ihr es aushaltet, von allen angeguckt zu werden. Das ist inhaltlich und methodisch eine echt wichtige und auch vergnügliche Betätigung neben all diesem abstrakten, intellektuellen Zeug.


Harald Lesch ist Professor für theoretische Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und lehrt Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Seit 2008 moderiert er das Wissenschaftsmagazin »Leschs Kosmos« im ZDF. Von 1981 bis 1984 studierte er an der Uni Bonn, wo er sich 1994 habilitierte.


AKUT   Wenn man Ihren Lebenslauf ansieht, sah das zunächst nach einer ehrenhaften akademischen Karriere aus. Wie kam da auf einmal das Fernsehen rein?

LESCH   Eigentlich sollte ein Kollege vom Max-Planck-Institut Garching dem Bayerischen Rundfunk was über die Pioneer-Sonden erzählen, die damals aus dem Sonnensystem verschwanden. Die Sonden hatten Informationen über die Erde an Bord, falls sie mal von Außerirdischen gefunden werden sollten. Aber der Kollege wollte sich nicht blamieren und schickte den BR zu mir – ich hatte mich in Bonn mit einer öffentlichen Antrittsvorlesung zum Thema »Sind wir allein im Universum?« habilitiert. Dann haben die vom BR mir was in die Hand gedrückt und gesagt, das soll ich mal erklären. Das habe ich auch, nur zwischendrin habe ich mal gesagt »Was das hier ist, weiß ich aber auch nicht so genau.« Ich dachte natürlich, dass die das schneiden. Haben sie aber nicht. Das heißt, die erste Sendung mit mir im BR war eine, wo ich mich vor die Kamera gestellt habe und sagte »Was das hier ist, weiß ich aber auch nicht so genau.« Das fanden die Zuschauer offenbar so schön, dass der BR gefragt hat, ob ich nicht eine Astronomiesendung bei ihnen machen wolle.

AKUT   Sie lehren außerdem Naturphilosophie und versuchen meistens, Naturwissenschaften in den großen Zusammenhang zu stellen. Funktionieren Naturwissenschaften überhaupt ohne Philosophie?

LESCH   Ich glaube das nicht, viele meiner Kollegen sehen das aber wahrscheinlich anders. Ich weise aber darauf hin, dass wir in der Physik sehr viele philosophische Begriffe und Methoden verwenden. Wir thematisieren das nicht mehr, weil es so selbstverständlich geworden ist. Aber die Physik war lange Zeit nur experimentelle Philosophie und ist erst später zu einer selbstständigen Wissenschaft geworden. Vielen meiner Kollegen ist es egal, was jetzt die ontologische Struktur der Welt ist. Die machen ihre Messungen, messen so genau, wie es nur geht. Für mich sind viele Physiker Physikalisten, Scientisten, die nur glauben, was sie messen und dass das alles ist. Aber es gibt eben auch Fragen, die aus den Naturwissenschaften herausführen: Was war der Anfang von allem? Was war vor dem Urknall? Die grundlegenden Fragen, die wir Menschen stellen, lassen sich durch die empirischen Wissenschaften ja gar nicht beantworten. Wenn ein Mensch nach der Welt fragt, fragt er aus subjektiven Gründen, wie Hoffnung, Visionen und Zielen. Das sind Begriffe, die naturwissenschaftlich gar nicht messbar sind.

AKUT   Muss sich das Wechselspiel zwischen Naturwissenschaften und Philosophie auch im akademischen Alltag stärker widerspiegeln?

LESCH   Ich habe eine Zeit lang in Toronto gearbeitet – da gibt es ein erstes Orientierungsjahr an der Uni. In diesem Jahr werden die großen Themen besprochen: die Geschichte der Natur, die Geschichte Kanadas, die Geschichte der europäischen und der abendländischen Kultur und so weiter. Das tut den Studenten unglaublich gut. Und nach diesem Jahr der Orientierung fangen sie dann mit ihren Fächern an. Ich fände es super, wenn man im Rahmen der Bologniarisierung der Universitäten bei uns mal an so etwas gedacht hätte. Ein Studium generale am Anfang, in dem man zum Beispiel etwas über wissenschaftliches Arbeiten, den eigenen Kulturkreis, über das Recht und die Verfassung lernt. Und natürlich auch etwas über die Natur, vielleicht auch die Philosophie. Ein erstes Jahr ohne Prüfungen, in dem man sich einfach bildet und sich erst danach spezialisiert. So ein Orientierungsjahr könnte helfen, aus Schülern Studenten zu machen.

AKUT   Wenn man so viel weiß wie Sie, fühlt man sich dann auch verpflichtet, sein Wissen weiterzugeben?

LESCH   Dass ich gerne über Wissenschaft schwadroniere, hat viel damit zu tun, dass ich in meiner Familie der erste Akademiker war. Ich bin also immer gefragt worden: »Jung, was machst du eigentlich?« Auch deshalb bin ich der klassische Bierdeckel-Erklärer geworden. Ich versuche alles so einfach und wirklichkeitsnah zu erklären, wie es nur irgendwie geht. Und ich verspüre schon so etwas wie eine Bringschuld. Ich bin Jahrgang 1960, das heißt, durch die BAföG-Reform in den Siebzigern ist es mir überhaupt möglich geworden, zu studieren. Dieser Möglichkeit, die der Staat mir eröffnet hat, verdanke ich meine Karriere. Aber ich spüre keine schmerzhafte Verpflichtung, sondern eine, die mir Freude macht, sozusagen eine positive Rückkopplung.

Harald Lesch

Zu 50 % heißt die Sendung wie sein Nachname (Foto: ZDF / Jens Hartmann)

AKUT   Sie sagen, der Mensch ist nicht ganz allein im Universum. Wann werden wir erstmals außerirdisches Leben nachweisen können?

LESCH   Uff, da muss ich mich etwas aus dem Fenster lehnen. Also die Möglichkeiten, extrasolare Planetensysteme zu beobachten, also Planetensysteme um andere Sterne rum, werden immer besser. Und wenn ich sehe, wie wir uns langsam an erdähnliche Planeten heranbeobachten, würde ich sagen, dass wir in den nächsten zehn Jahren einen Planeten entdecken, in dessen Atmosphäre Sauerstoff ist. Und dann muss man sich fragen, wie der Sauerstoff dahin kam. Denn: Würden Sie jetzt die Photosynthese auf der Erde abstellen, wäre unser Sauerstoff bald weg. Die Menge des Sauerstoffs in unserer Atmosphäre würde schnell geringer, weil er zur Oxidation verwendet wird und verschwindet. Entdecken wir auf einem Planeten also Sauerstoff, muss es einen Prozess geben, der ihn nachliefert. Also innerhalb der nächsten zehn Jahre finden wir einen indirekten Beweis, dass wir nicht alleine im Universum sind – schätze ich. Indirekt, weil wir nur über die Gase in der Atmosphäre feststellen können, ob auf einem Planeten Leben ist. Außer es gibt tatsächlich einen Planeten, auf dem sich eine intelligente, kommunikationsbereite Zivilisation durch irgendwelche Funksignale bemerkbar macht. Und das halte ich eher für unwahrscheinlich.

AKUT   Unter außerirdischem Leben stellen Sie sich wahrscheinlich was anderes vor als Hollywood.

LESCH   Als Wissenschaftler halte ich mich an den Satz, dass Naturgesetze, die wir von der Erde kennen, überall im Universum gelten. Und Tintenfische bauen keine Raketen. Die können nichtmal einen Lötkolben halten. Wenn wir heute nach Leben suchen, suchen wir natürlich nach Leben, das uns ähnlich ist. Wir sind Kohlenwasserstoffmoleküle. Das wird bei den anderen wohl genauso sein, da außer Silizium kaum ein Element so Ketten bilden kann wie Kohlenstoff. Silizium kann das auch nur bei sehr niedrigen Temperaturen. Auf einem Planeten mit einer Methan-Atmosphäre könnte man sich zwar auch irgendwelche Lebensformen vorstellen – aber: Solche chemischen Netzwerke sind für uns nur ganz schwer zu entdecken.

AKUT   Wir erleben in Deutschland gerade, dass Journalisten einem großen Legitimationsdruck ausgesetzt sind, auch angefeindet werden. Wo steht die Wissenschaft heute in dieser Gesellschaft?

LESCH   Einerseits gibt es an den Naturwissenschaften ein unglaublich hohes Interesse. Eine Sendung über Schwarze Löcher, Dunkle Energie oder Dunkle Materie hat viele Zuschauer – und zwar viel mehr als eine über Klimawandel oder die Energiewende.

Das heißt: Je konkreter naturwissenschaftliche Erkenntnisse unser alltägliches Leben betreffen, umso größer wird die Skepsis den Naturwissenschaften gegenüber. Es gibt jede Menge Klimawandelskeptiker, aber es gibt keine Gravitationswellenskeptiker. Die Gravitationswellen wurden ja neulich entdeckt, man hat mit wahnsinniger Präzision in 1,3 Milliarden Lichtjahren Entfernung zwei verschmelzende Schwarze Löcher aufgespürt. Das muss man sich mal überlegen. Die Begeisterung in den Medien war riesig – doch: Die gleiche Wissenschaft, nämlich die Physik, untersucht auch den Klimawandel. Das läuft zwar unter dem Stichwort Klimaforschung/Meteorologie – aber die Prinzipien und Methoden sind physikalisch! Nur die Ergebnisse, die diese Forschung hervorbringt, die werden plötzlich ganz kontrovers diskutiert. Warum? Weil diese Ergebnisse von uns fordern, dass wir unseren Lebensstil ändern. Und da beginnt die Skepsis.

Auf der einen Seite billigt man den Naturwissenschaften in ihrer Grundlagenforschungsfunktion eine unheimliche Kompetenz zu. Aber nur, solange es unsere Handlungsebene nicht betrifft. In dem Moment aber, wo die Forschung zu sehr in unseren Alltag vordringt, gibt es Kritik. Da herrscht die wirre Vorstellung, dass man Naturgesetze so behandeln, so diskutieren kann wie Gesetze, die von Menschen oder Göttern geschrieben wurden. Das halte ich für ein ganz schlimmes Missverständnis. Ich wundere mich immer wieder, welche unvernünftigen Entscheidungen in politischen Räumen getroffen werden, die in der Öffentlichkeit dann auch noch befürwortet werden.

AKUT   Trägt die Wissenschaft auch Schuld daran?

LESCH   Das rechne ich auf der wissenschaftlichen Seite der zunehmenden Spezialisierung zu. Wir produzieren immer mehr Spezialisten, die so spezialisiert sind, dass sie sich mit anderen Spezialisten gar nicht mehr verstehen. Gleichzeitig haben immer weniger Leute einen generellen Blick über die Wissenschaftslandschaft. Wir müssen häufiger fragen: Wenn man eine Grundlagenkenntnis in Technologie verwandelt und das dann in der Wirklichkeit einsetzt – was heißt das für uns, für den Kontinent, für die Welt? Die Gesellschaft kann es sich eigentlich gar nicht leisten, uns die Grundlagenforschung zu finanzieren, ohne uns immer wieder auszufragen: Was bedeuten eure Ergebnisse? Ihr dürft nicht nur Ergebnisse produzieren! Ihr müsst auch sagen, was sie bedeuten. Wir müssen erklären, welche Risiken und Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Wir müssen als Gesellschaft beginnen, bei Technologien offen über Risiken zu sprechen, nicht erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. 


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Langer Weg durch die Bürokratie

FLÜCHTLINGE  Erst gab es nur ein Banner für »Weltoffenheit und Toleranz«, nun hat die Uni Bonn ein Förderprogramm für studieninteressierte Flüchtlinge gestartet. Auch der AStA versucht mithilfe einer speziellen Sprechstunde zu vermitteln.

VON JULIANE SPRICK

Sie sind geflüchtet vor Krieg, Unterdrückung und Armut. Millionenfach haben sich Menschen, vor allem aus Vorderasien und Afrika, in den letzten Jahren auf den Weg nach Europa gemacht. Viele von ihnen erhoffen sich hier ein besseres Leben. Es sind Menschen aus allen Bildungs- und Gesellschaftsschichten: engagierte Oppositionspolitiker, Ärzte, Lehrer, ebenso wie Männer und Frauen ohne jeglichen Schulabschluss. Es sind vor allem aber viele junge Menschen, die im Moment nach Deutschland kommen. Unter ihnen finden sich natürlich auch einige, die in ihren Heimatländern bereits studiert haben oder gerade frisch ihren Schulabschluss in der Tasche hatten. Sie wünschen sich, ihre Ausbildung an der Uni fortzusetzen, um anschließend ins Berufsleben zu starten.

Doch wie kommt man als Geflüchteter an die Uni? Welche Voraussetzungen müssen für die (Wieder-)Aufnahme eines Studiums erfüllt sein? Wie relevant ist der Asyl-Status in dieser Frage? Was ist mit der Sprachbarriere? Fragen über Fragen wirft dieses Thema auf. Es ist möglich, für Flüchtlinge, an einer deutschen Universität zu studieren. Doch der Weg ist lang und steinig. Denn erst langsam beginnen sich auch die Universitäten mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen. Mit dem aktuellen Sommersemester ist jetzt ein spezielles Programm unter dem Namen »Förderung der Integration in das Studium« gestartet. »Mit dem FdIS wollen wir Flüchtlingen den Einstieg in das Studium erleichtern«, so Prof. Dr. Michael Hoch, Rektor der Universität am Rande der Ringvorlesung »Migration als Herausforderung und Chance«. Das FdIS bietet an einem Studium interessierten Flüchtlingen eine Art sechsmonatiges Vorkursprogramm, inklusive eines Aufbausprachkurses in Deutsch ab Stufe B1. Mitte März hatten sich bereits die ersten 15 Interessenten gefunden. Die Teilnahme an dem Projekt garantiert allerdings niemandem einen späteren Studienplatz, wie es auf der Internetseite der Uni heißt. »Es sollen keine Sonderregeln geschaffen werden«, erklärte der Rektor auf Nachfrage.

Grundsätzlich gilt: Für ein Studium kann sich jeder bewerben, dessen Status anerkannt ist, also dessen Asyl-Antrag genehmigt, dessen Antrag in Bearbeitung ist oder wer offiziell geduldet wird. Anschließend hat man die gleiche Chance auf einen Platz wie andere internationale Bewerber. Ihnen stehen per Gesetz fünf Prozent der Studienplätze zu. Die Quote bestimmt das Land Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommen natürlich eine Hochschulzugangsberechtigung und eine nachgewiesene Kenntnis der deutschen Sprache auf B1-Niveau.

An all diese Nachweise zu kommen, all die notwendigen Stellen anzufragen und Anträge auszufüllen ist jedoch gar nicht so leicht. Jeder von uns, der beispielsweise schon mal einen BAföG-Antrag ausgefüllt oder das Bewerbungsprozedere für ein ERASMUS-Semester durchgestanden hat, weiß, wie verwirrend und kompliziert solche Formularberge sein können. Das dachten sich letzten Herbst auch Lisa Kugele und ihre drei Mitstreiter, als sie die Idee für die »StartStudy«-Sprechstunde hatten, die der AStA nun seit etwa zwei Monaten anbietet. Lisa Kugele erklärte das Konzept folgendermaßen: »Unsere Arbeit ist es hauptsächlich, den Stand der Dinge festzustellen. Wo liegen die Probleme? Wie können wir den Leuten helfen? Wir kennen die entsprechenden Beratungsstellen, Ämter und Einrichtungen und haben die Möglichkeit sie so gezielt an die richtigen Ansprechpartner zu vermitteln.«

Die Sprechstunde ist in der Kooperation mit der Hochschulgruppe »Initiative für Flüchtlinge«, entstanden. Die IfF gründete sich bereits im Sommer 2015. Sie organisiert Ausflüge, veranstaltet Grillfeste und Filmabende. »Unser Ziel ist es, die Leute in unserem Alter aus den Heimen rauszuholen«, erläuterte Lisa Kugele die Motivation der Initiative, die sie selbst ins Leben gerufen hat.

Die Sprechstunde ist daher ein weiterer logischer Schritt. Sie findet an drei Nachmittagen pro Woche in den Räumen des AStA in der Nassestraße statt. Wenn möglich, erfolgt die Beratung dreisprachig, auf Deutsch, Englisch oder Arabisch. »Arabisch ist neben Englisch die Sprache, auf der wir mit den Besuchern unserer Sprechstunde am ehesten kommunizieren können«, beschreibt die Masterstudentin der Politikwissenschaft die Arbeit in der Sprechstunde weiter. »Es sind übrigens gar nicht unbedingt die typischen Berufe, die immer in den Medien herumgeistern. Nicht alle, die zu uns kommen, wollen Ärzte oder Juristen werden. Es ist sehr gemischt. Viele wollen später gerne als Lehrer arbeiten. Am häufigsten ist aber der Wunsch, überhaupt die Möglichkeit bekommen zu studieren.«

Trotz ihrer kurzen Laufzeit wird die Sprechstunde gut angenommen: »Mal kommen mehr, mal weniger – das ist tagesabhängig.« Dass aber niemand käme, passiere eher selten. Im Übrigen kämen nicht unbedingt nur Studieninteressierte. Viele kommen zusammen mit ihrer Familie oder Bekannten und bitten auch häufig um Hilfe bei allgemeineren Problemen, bei der Suche einer Wohnung oder bei Behördengängen. Sogar von der Universitätsleitung bekommt das »StartStudy«-Projekt Zuspruch: »Wir unterstützen die Initiative mit ihrer Sprechstunde«, beantwortete Rektor Hoch die Frage, ob auch die Univerwaltung selbst nun ihr Beratungsangebot erweitern will. »Hab ich noch nie gehört, den Satz«, reagierte Lisa Kugele etwas überrascht auf diese Äußerung. Sie würde sich aber durchaus darüber freuen. Generell sei es ihr ein Dorn im Auge, dass den Flüchtlingen viele unnötige bürokratische Steine in den Weg gelegt würden: »Es gibt in Nordrhein-Westfalen kein einziges staatliches Studienkolleg, an dem man auch nach seiner Schulzeit sein Abitur nachholen oder die alternative Feststellungsprüfung ablegen kann«, ärgert sie sich. Dennoch können wir bestimmt schon bald den ein oder anderen Flüchtling mehr unter uns Studierenden finden. Ob das Integrations-Projekt der Uni aufgeht und ob die Sprechstunde potentiellen Studieninteressierten unter den Flüchtlingen erfolgreich helfen kann, den Behördendschungel auf dem Weg bis zum Studienplatz zu durchstehen, wird sich mit der Zeit zeigen. Vielleicht hat es sogar der ein oder andere schon geschafft. Genau weiß das allerdings niemand. »Wir erfassen nicht, ob Studienbewerber Flüchtlinge sind«, lautet dazu die Erklärung des Pressesprechers der Universität, Dr. Andreas Archut.


Wir wuppen das schon

TITEL  Sie wissen nicht, was kommt, aber sie fürchten es auch nicht: Die Studierenden von heute haben keine Angst vor ihrer Zukunft – egal, wie sie aussehen wird. Drei junge Menschen erklären, was sie mit ihrem Studium, ihrer Zukunft, ihrem Leben vorhaben.

VON ALEXANDER GRANTL

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Gavin, 27: »Generation 140 Zeichen« (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Als Gavin auf die Welt kam, waren seine Eltern gerade 21. Sie steckten mitten im Studium. Gavin wuchs nicht wie ihr Kind auf, sondern wie ihr Freund. Mit zwei Jahren spielte ihm seine Mutter das »Schlaflied« der »Ärzte« vor – den gruseligen Text verstand er nicht, aber die liebliche Melodie gefiel ihm. Als er vier, fünf war, nahmen sie ihn mit auf Partys. Er mixte Cocktails, lernte, wie man Platten auflegt. »Das klingt trauriger, als es ist. Eigentlich war es fantastisch«, sagt Gavin. Er wurde 1989 in Oberhausen geboren. Als er in der vierten Klasse war, zogen seine Eltern mit ihm nach Mülheim an der Ruhr. Sein soziales Umfeld brach weg, seine Noten brachen ein. Für die fünfte und sechste Klasse ging er aufs Gymnasium, dann musste er auf eine Realschule wechseln – Mathe und Religion waren Schuld. Seine Mutter brachte ihn zu einem Lernpsychologen, »der feststellen sollte, ob ich zu doof war.« War er nicht, aber trotzdem lief es auf der Realschule nicht gut. In der achten Klasse blieb er sitzen – Französisch. Er begann, sich sozial zu entdecken: grüne Haare, Theater-AG, Schulsprecher, »das volle Programm«, wie er es nennt. In der zehnten Klasse wechselte er mit einem 2,0-Schnitt auf eine Gesamtschule. Wegen Mathe und Physik verfehlte er dort die Qualifikation fürs Abitur, musste ein Jahr wiederholen. »Da habe ich dann richtig reingehauen und das Abi endlich mit 3,1 bestanden.«

21 Jahre im Schnelldurchlauf. Heute ist Gavin 27. Er sitzt zurückgelehnt im Studio vom Campusradio bonnFM. Er ist Chefredakteur des Senders, sitzt im Vorstand und moderiert hier regelmäßig. »Ich war nie ein Vorzeigeschüler, aber immer der Klassenclown«, sagt er amüsiert und spielt mit einer Wasserflasche. Achtmal musste er in seiner Kindheit eine neue Schulklasse kennenlernen, fünfmal davon war er »der Neue«, musste sich in eine bestehende Klasse eingliedern. »Am Anfang war das schwierig, aber im Laufe der Zeit hat es immer besser funktioniert. Heute nehmen Führungskräfte Kurse, um Social Engineering zu lernen. Ich habe es mir selbst beigebracht.«

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Gavin, 27 (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Wer Gavin fragt, was er studiert, muss ein wenig Zeit mitbringen. Eingeschrieben ist er für Germanistik, vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, im Nebenfach katholische Theologie. »Zuerst dachte ich auch: Germanistik ist genau mein Ding.« Nach dem ersten Semester hat er aber keine Lehrveranstaltung mehr belegt. »Ich hatte ein Seminar, für das ich innerhalb eines Semesters zwölf Romane hätte lesen müssen. Da wusste ich schnell: Das ist nichts für mich.« Er ist nicht der Typ, der sich in die Bibliothek setzt und Hausarbeiten schreibt. Als er mit der Schule fertig war, leistete er zunächst Zivildienst bei der Aidshilfe in Köln. Das findet man bei Menschen in Gavins Alter immer seltener: Zwischen 2001 und 2013 sank die Zahl der Studierenden, die einen Zivildienst aufnahmen, von 48 Prozent auf 32 Prozent. Das steht im sogenannten Studierendensurvey, den die Universität Konstanz alle zwei, drei Jahre für das Bundesbildungsministerium durchführt. Im Anschluss an seinen Zivildienst begann Gavin eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, auch bei der Kölner Aidshilfe. Er lernte, wie man Veranstaltungen organisiert, Charity-Events, wie die Kölner Aidsgala. »Vorbereiten, durchführen, nachbereiten – das ist der Dreiklang des Veranstaltungskaufmanns«, erklärt er. Dass Studierende an Universitäten vor ihrem Studium eine berufliche Ausbildung aufgenommen haben – wie Gavin – ist selten. Es trifft nur auf etwa 12 Prozent zu. Das ist nicht neu – immer mehr junge Menschen steigen direkt nach ihrem Abitur in das Studium ein: 1993 waren es 44 Prozent, 2003 schon 50 Prozent und 2013 bereits 60 Prozent. Berufsausbildungen, Berufstätigkeiten, Wehr- oder Zivildienst vor dem Studium werden immer seltener.

2014 schloss Gavin seine Ausbildung ab – mit Bestenehrung. »Ich war nicht schlecht in dem Beruf, aber für mich war es nicht das Richtige. Ich dachte, Excel und so – das kann nicht alles sein. Ich bin eher kreativ und möchte mich verwirklichen – das konnte ich als Veranstaltungskaufmann nicht.« Also entschied er sich für das Studium. Eine falsche Entscheidung.

Lisa war ein schüchternes Kind. Oft waren es ihre Eltern, die Freundschaften für sie knüpften. Als sie fünf war, trennten sich die Eltern. Für Lisa kein großes Thema – Mutter, Vater und eine Stiefmutter, sie fühlte sich nie allein. Sie erzogen sie fürsorglich, ohne es zu übertreiben. Ihre Mutter und ihre Stiefmutter lasen ihr vor, die »Wilden Hühner« von Cornelia Funke, die liebt Lisa immer noch. Bis heute stehen die Bücher in ihrem Regal. Oft gingen ihre Eltern mit Lisa ins Museum, Bildung war ihnen wichtig. Und, dass Lisa ein sozialer Mensch wird: »Es lag ihnen am Herzen, dass ich verstehe, dass die Menschen unterschiedlich denken. Dass ich niemanden vorschnell verurteile.« Weltoffen sollte ihre Tochter werden, selbstbewusst auch. Und an ihrer Verpeiltheit arbeiten, nicht mehr so häufig zu spät sein. Mit 13 trug sie Baggy Pants und Krawatten, schminkte sich mit Kajal – ihre Avril Lavigne-Phase. Die Mitschüler fragten, ob sie sich Edding um die Augen geschmiert habe oder Daniel Kübelböck imitiere. Irgendwann begeisterte ihr Vater sie für Phil Collins, Bruce Springsteen und U2, mittlerweile ist sie musikalisch für fast alles offen. Auch für Klassik – aber nur Tschaikowski.

Lisa wurde 1993 in Köln geboren, heute wohnt sie in Brühl, in einer Wohngemeinschaft mit ihrer Mutter. Sie nennt das »Mädels-WG« und lacht. Weil sie ihrer Mutter nicht immer auf der Tasche liegen will, zahlt sie ihr Miete. »Es ist nicht ideal, aber es funktioniert«, sagt Lisa. Bisher hat sie noch nicht alleine gelebt. Das gilt für ihre Altersgruppe als typisch: Fast 40 Prozent der 22- bis 25-Jährigen leben noch bei ihren Eltern, mehr als früher. Vor ein paar Jahren suchte Lisa nach einer Wohnung in Köln, viele ihrer Freunde zogen dorthin. »Es war aber unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden.«

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Lisa, 22 (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Lisa studiert im ersten Semester das Master-Studienfach English Literatures and Cultures, vor einem Jahr schloss sie ihr Bachelorstudium ab: sieben Semester Germanistik. Das ist keine ungewöhnliche Wahl für junge Frauen wie Lisa: Anglistik, Germanistik und Romanistik sind in ganz Deutschland frauendominiert – in der Anglistik finden sich zu 88 Prozent, in der Germanistik zu 81 Prozent Frauen. Auch heute noch folgen junge Menschen traditionellen Mustern, wenn sie ihr Studienfach wählen – Frauen wie Männer: Ingenieur- und Naturwissenschaften werden an deutschen Universitäten zu 72 Prozent von Männern studiert, Physik zu 81 Prozent, Informatik zu 80 Prozent. Das zeigt der Konstanzer Studierendensurvey genauso wie die Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Ihre Bachelorarbeit schrieb Lisa über das Nibelungenlied. Irgendwann wurde das ziemlich ermüdend, das ganze Germanistikstudium hatte sie nie so wirklich gepackt. Sie hatte ihr Studium direkt nach dem Abitur begonnen: »Vom einen Lernen ins andere Lernen«, sagt sie. »Als ich meine Bachelorarbeit endlich fertig hatte, musste ich dann einfach mal raus.« Eine Woche, nachdem sie die Arbeit abgab, flog Lisa für sechs Monate nach Las Vegas.

Monika war noch nie in Las Vegas. Aber in Bornheim, wo sie aufgewachsen ist. Sie war ein zufriedenes und anständiges Kind, hat ihren Eltern kaum Probleme gemacht, sie mussten selten mit ihr schimpfen. Mit sechs Jahren begann sie Blockflöte zu spielen, auch auf Wettbewerben, ihre strenge Musiklehrerin bestand darauf. Fragt man Monika nach ihrer Kindheit, muss sie lange überlegen. Dann sieht sie aus dem Fenster, verzieht den Mund und sagt knapp: »Ich hatte immer alles, was ich wollte. Klar, auch materiell, aber vor allem Liebe und Zuneigung. Davon war viel da. Kann nicht klagen. Familie war gut.« Ihre Eltern ließen ihr viele Freiräume, Monika lernte früh, eigene Entscheidungen zu treffen. »Sie wollten vor allem, dass ich glücklich bin.«

So verschieden ihre Lebenswege auch sind, eines eint Gavin, Lisa und Monika: Sie beschreiben ihre Kindheit als glücklich. Das ist typisch – 92 Prozent der 12- bis 25-Jährigen beschreiben das Verhältnis zu ihren Eltern mindestens als gut. Selbst Kinder, deren Eltern sich geschieden haben – wie Lisas. Auch geschiedene Eltern sorgen in der Regel weiterhin gut für ihre Kinder. Das ist ein Ergebnis der Shell Jugendstudie 2015, die etwa alle vier Jahre ein umfassendes Bild der jungen Menschen in Deutschland zeichnet. Diese jungen Menschen sind heute vor allem die Kinder der 68er-Generation und ihrer Nachfahren. Der Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann, der an der Shell Jugendstudie mitarbeitete, erklärt in der Studie den Zusammenhang: Während die 68er gegen die verstaubten Verhältnisse rebellierten und sich auch gegen ihre Eltern auflehnten, wollen sie den eigenen Kindern keinen Anlass zum Aufstand geben. Die Eltern erwarten zwar Leistung von ihren Kindern, bieten ihnen dafür aber auch länger ein harmonisches Zuhause.

Monika wohnt heute nicht mehr bei ihren Eltern. Als sie im dritten Semester war, zog sie aus. Von Bornheim in Bonns Nordstadt, etwa zehn Kilometer auseinander, in ein privates Studentenwohnheim. Dort hat sie 20 Quadratmeter für sich, eine gute Verkehrsanbindung und ist zufrieden. Sie studiert den Master of Mathematics, ein englischer Titel, denn die Mathematik in Bonn hat einen guten Ruf und viele internationale Studierende. Nebenbei gibt Monika Tutorien, meist für Informatik- und Lehramtsstudierende, und hilft bei der Korrektur von Klausuren. So verdient sie ihre Miete und muss ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen.

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Monika, 23 (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Dass Monika nach dem Abitur studiert, war für sie keine Frage. »Die Schule hat mich nie genug gefordert. Ich wollte wissen, wo meine Grenzen liegen«, sagt sie und deutet mit ihren Unterarmen eine Schranke an. Dass Mathematiker gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben, ist für Monika ein glücklicher Zufall: »Ich musste mich nie entscheiden, zwischen dem, was ich konnte und dem, was gut für mich ist.« Wie Monika gibt es immer mehr Studierende, die von vorneherein wissen, dass sie nach der Schule ein Studium aufnehmen möchten: Ihre Zahl stieg von 51 Prozent in 2001 auf 58 Prozent im Jahr 2013. Und Kinder wie Monika, deren Eltern ebenfalls studiert haben, treffen die Entscheidung für ein Studium viel sicherer als Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern.

Sich einer Entscheidung sicher sein – das ist so eine Sache. Als Lisa die Zusage bekam, dass sie für ein paar Monate in einem Hostel in Las Vegas arbeiten konnte, war sie sich ihrer Entscheidung sehr sicher. Als sie dann auf dem Hinflug am Flughafen von Chicago strandete, nicht mehr so ganz. »So lange war ich noch nie aus Deutschland weg. Das war was ganz Besonderes«, sagt Lisa. Sie redet immer schnell und viel, aber wenn es um »die Staaten« geht, sprudelt sie vor Begeisterung. Zweimal war sie für je drei Monate in Las Vegas – im letzten Sommer und noch einmal von Dezember bis März. Mit ihrem Besuchervisum durfte sie sich nur längstens drei Monate in den USA aufhalten. Im kleinen »Hostel Cat« arbeitete sie zuerst an der Rezeption – Gäste begrüßen, sie animieren, beim abendlichen Ausflug mitzukommen. Kundenkontakt war Lisa gewohnt, in Brühl arbeitet sie an der Kasse eines Buchgeschäfts, davor an der Kasse der Kölner Pferderennbahn. Bei ihrem zweiten Aufenthalt wurde sie zum »Head of Housekeeping« – den anderen Anweisungen geben, auch mal kritisieren – selbst im freundschaftlichen Ton fiel ihr das nicht immer leicht. Für ihre Jobs wurde sie nicht bezahlt, aber konnte kostenlos im engen Personal-Schlafraum des Hostels wohnen. Mit ihr waren zwanzig andere junge Menschen im Hostel beschäftigt, die aus der ganzen Welt kamen: »Das war wahnsinnig interessant – so viele verschiedene Persönlichkeiten, Sprachen, Kulturen, mit denen man lange zusammenleben muss.«

Seit April läuft ihr Masterstudium in Bonn. Es macht ihr viel Spaß, sie liebt die englische Sprache, den Austausch über englische Literatur. »Aber ich studiere den Master auch, weil ich das zu Ende bringen will, was ich angefangen habe. Der Abschluss wird eine gute Basis sein.« Für die Sozialforscher der Uni Konstanz ist das eine besonders wichtige Frage. Warum entscheiden sich Studierende für ihr Studienfach? Der Hauptgrund ist tatsächlich das Interesse an ihrem Fach – mit 74 Prozent. Dann folgen Faktoren wie die eigene Begabung (60 Prozent) und die Vielfalt von beruflichen Möglichkeiten (48 Prozent). Motive wie ein hohes Einkommen (28 Prozent) oder die Aussicht auf eine Führungsposition (16 Prozent) rangieren weiter hinten. Dies gilt für Studierende an Universitäten. Studierende an Fachhochschulen legen dagegen mehr Wert auf ein hohes Einkommen (37 Prozent) und die Aussicht auf eine Führungsposition (30 Prozent).

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Lisa, 22 (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Führungsposition?« Monika lächelt. In einer Führungsposition kann sie sich noch nicht vorstellen. »Im Studium fühle ich mich von allem fern, was man Arbeitswelt nennen könnte«, sagt sie. Ihre Noten sind Monika wichtig. Sie lernt nicht »auf Bestehen«, sondern so viel, wie sie kann. »Aber selbst dann bekommt man keine 1,0. Eigentlich muss man noch mehr lernen, als es geht.« Monika sagt, ihr geht es nicht so sehr darum, am Ende ein gutes Masterzeugnis zu bekommen. Es ist ihr eigener Ansporn, das »schöne Gefühl«, wenn man in der Prüfung eine 1 hat. Bei Lisa ist das ähnlich: Ein gutes Masterzeugnis ist zwar eine tolle Sache, aber ein Arbeitgeber, dem die Note wichtiger ist als Charakter und Engagement des Bewerbers – nein, das findet sie blöd. »Es ist wichtig, mit der eigenen Persönlichkeit zu überzeugen, nicht mit der Note.«

Ein Bachelor- oder Masterzeugnis hatte Gavin nicht, um seinen Arbeitgeber zu überzeugen. Er arbeitet als freier Autor für den Online-Auftritt eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders. Immer wieder moderiert er auch verschiedene Veranstaltungen – im Juli etwa eine Pyrotechnik-Show in Bottrop. Oder seine eigene kleine Late-Night-Show, die er mit Freunden ein paar Mal im Jahr vor Publikum präsentiert. Oder eine Radio-Talkshow, die aber nur im Internet läuft. Mit diesen Projekten verdient er nicht immer Geld, oft kostet es ihn sogar welches. Gelegentlich ist er auch noch in seinem gelernten Beruf als Veranstaltungskaufmann unterwegs.

Mit 21, direkt nach dem Abitur, war er bei seinen Eltern ausgezogen. Er landete in einer WG in Köln, die sich nur über das Internet zusammengestellt hatte. Eine schlechte Idee, einer der Mitbewohner »war eine soziale Katastrophe«, sagt Gavin. Danach wohnte er mit seiner damaligen Partnerin zusammen, dann allein. Heute lebt er mit seiner Freundin in der Bonner Altstadt. Und Gavin lebt im Internet. Aber nicht alleine: Bei Twitter folgen ihm über 2.000 Menschen, die täglich seine pointierten 140-Zeichen-Botschaften lesen. Seit zehn Jahren gibt es Twitter, seit acht Jahren ist er dabei. Er hat einige seiner besten Freunde dort kennengelernt, seinen Job gefunden. »Ich profitiere mittlerweile mehr von Twitter, als Twitter von mir.« Sein Vater ist Softwareentwickler, den ersten Computer bekam Gavin mit sechs Jahren, da veröffentlichte Microsoft gerade Windows 95. Mit zehn meldete Gavin bei WEB.de seine erste E-Mail-Adresse an – eine seiner frühen Erinnerungen ans Internet. 2001 registrierte er sich bei ICQ, seine Nummer kennt er noch heute. Neun Stellen, vorne eine 1 – etwas Besonderes. Seine Freunde meldeten sich erst später an und bekamen viel längere Nummern.

Das erste Handy bekam Gavin mit elf. Ein NOKIA 33 10, robust, aber nicht mehr als ein Gerät zum Telefonieren, SMS schreiben und Snake spielen. Lisa und Monika haben ähnliche Erinnerungen an ihr erstes Mobiltelefon. Das nutzten sie vor allem, um mit den Eltern zu telefonieren – Bus verpasst, Turnbeutel vergessen, früher Schule aus. Kein Spielzeug, kein allgegenwärtiges Lexikon oder Unterhaltungsinstrument. Heute haben sie alle drei ein Smartphone.

Gavin hat sein iPhone immer im Blick, kein Wunder, er bekommt im Sekundentakt Benachrichtigungen. Er nutzt Snapchat, Instagram, Periscope, Flickr, vor allem aber Twitter und Facebook. Nur Tumblr und Pinterest mag er nicht. Gavin ist ein Meister des Social Webs. Das ist der Teil des Internets, den 90 Prozent der 12- bis 25-Jährigen regelmäßig nutzen, 57 Prozent mindestens einmal am Tag. Damit liegen die sozialen Netzwerke weit vorn in der Gunst der jungen Menschen. Nur 37 Prozent nutzen das Internet hingegen mindestens einmal in der Woche, um sich über Politik und Gesellschaft zu informieren, viel häufiger hören sie online Musik, chatten oder spielen. Dabei stehen viele junge Menschen den sozialen Medien eigentlich kritisch gegenüber, auch das zeigt die Jugendstudie von Shell: 61 Prozent der 22- bis 25-Jährigen sind sich bewusst, dass Konzerne wie Facebook mit den Nutzerdaten viel Geld verdienen. Die jüngeren Nutzer sind weniger kritisch.

Kritisch gering ist auch das Interesse an Politik: Zwar stieg es bei den 12- bis 25-Jährigen in den letzten Jahren auf 41 Prozent in 2015, während es 2010 noch bei 36 Prozent lag – doch viel ist das nicht. Gavin ist politisch. Anders geht es nach seinem Verständnis auch gar nicht: »Man kann nichts Unpolitisches machen. Alles ist politisch.« Diese Auffassung nennt Jugendforscher Hurrelmann charakteristisch für diese Generation: Die jungen Menschen begreifen Politik stärker denn je als ganzheitlich – nicht mehr als die klassische, abgegrenzte Parteipolitik. Eine gemeinsame Solidarisierung, die sich früher schon mal in großen Demonstrationen äußerte, kennt diese Generation nicht mehr, schreibt Hurrelmann. Wenn sie Engagement zeigt, dann »aus einer Mischung aus Eigeninteresse mit dem Ziel der Selbstentfaltung und der Erwartung, auf diese Weise würde indirekt auch die Gesellschaft profitieren.«

Studieren, arbeiten, verreisen – das alles verändert sich, wenn man Kinder hat. Gavin, Lisa und Monika wünschen sich Kinder. Noch nicht jetzt sofort, aber wenn es finanziell möglich ist, wenn der Job passt, wenn der richtige Moment da ist, dann schon. In ihrer Altersgruppe geht der Kinderwunsch allerdings zurück: Von den 12- bis 25-jährigen Befragten der Shell-Studie wünschen sich nur noch 64 Prozent Kinder, 2010 waren es 69 Prozent. Und wie wichtig ist eine eigene Familie für das persönliche Glück? Auch hier ist der Zuspruch seit 2010 gesunken, besonders die männlichen Befragten machen ihr Glück nicht mehr so stark von einer eigenen Familie abhängig.

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Monika, 23 (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Egal, ob Kinder oder nicht – wichtig ist den jungen Menschen auch eine gute Arbeit. Darunter verstehen sie nicht nur ein hohes Einkommen, sondern auch Faktoren wie die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. »Weiche Faktoren« nennt das der Sozialforscher Hurrelmann. Dass junge Menschen viele Erwartungen an ihren Arbeitgeber haben, ist eine neue Entwicklung, die in der aktuellen Jugendstudie zum ersten Mal untersucht wurde: »Und da kommt heraus, dass natürlich in Zeiten unsicherer Arbeitsverträge Sicherheit ganz oben steht. Auch andere Dinge, wie guter Verdienst und ein angenehmes Arbeitsverhältnis spielen eine große Rolle«, schreibt Hurrelmann. Aber eben auch die weichen Faktoren: persönliche Erfüllung, Entfaltung und Spaß an der Arbeit. Menschen, die von ihren Eltern gut umsorgt wurden, erwarten das auch von ihrem Arbeitgeber. Vor allem von jungen Frauen werde zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie thematisiert. »Für mich ist das absolut kein Widerspruch«, sagt Monika. Auch Gavin und Lisa wollen von ihrem Arbeitgeber nicht gezwungen werden, sich für eines zu entscheiden. »Ich denke, die Unternehmen werden merken, was hier für eine selbstbewusste Generation kommt, darunter immer mehr Frauen«, schreibt Hurrelmann. Für ihn ist klar: Diese Generation will sich und ihre individuellen Wünsche, Ziele und Kompetenzen in den Beruf einbringen: »Und Unternehmen, die das nicht anbieten können, werden in den kommenden Jahren ganz große Schwierigkeiten haben, hochqualifizierte junge Leute zu bekommen.«

Wenn das Wintersemester beginnt, will Gavin kein Student mehr sein. Der Status als »Passivstudent« macht ihn nicht glücklich. Er will seine freie Mitarbeit für den Radiosender vorantreiben. »Und dann? Mal sehen.« Große Pläne für die Zukunft macht er nicht. Hat er Angst vor der Zukunft? »Nö. Ich hab Bock. Ich freue mich auf meine Zukunft.« Das sehen 61 Prozent der jungen Menschen ähnlich. Sie blickten 2015 optimistisch in die Zukunft, mehr als 2010 (59 Prozent), mehr als 2006 (50 Prozent) und mehr als 2002 (56 Prozent).

Die Zeit in Las Vegas hat Lisa verändert. Die Mentalität dort hat ihr geholfen, nicht immer alles zu skeptisch zu sehen. »Früher hatte ich so eine ›Alles geht schief‹-Einstellung. Das hat sich geändert. Heute sage ich deutlich häufiger ›Das wird schon.‹« Auch sie macht sich noch keine Gedanken über die Zeit nach dem Studium. »Wenn man keinen Plan hat, kann der auch nicht schiefgehen. Aber vielleicht bin ich eines Tages mal nicht mehr in Deutschland. Wer weiß.«

Auch Monika ist eher mit der Gegenwart als der Zukunft beschäftigt. Gerade hat sie ihre Masterarbeit angemeldet – Abgabe ist im Mai 2017. »Eine gewisse Vorstellung meiner Zukunft habe ich zwar. Aber was heißt das schon? Es kann sich einfach so viel ändern. Ich bin frohen Mutes, dass nichts Schlechtes auf mich wartet.«


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G’schichten aus dem Hofgarten

HOFGARTEN-HISTORIE  Mein Freund, der Rasen: Wenn die Hofgartenwiese sprechen könnte, würde sie uns die bewegendsten, haarsträubendsten Geschichten erzählen. Von Kartoffeln, einer halben Million Füße und Willy Brandt.

VON EVA FÜRST

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Der Bonner Hofgarten mit Hauptgebäude (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Samstagmorgens, acht Uhr: das Gras auf der Hofgartenwiese ist noch ein wenig nass. Hundebesitzer stehen gähnend in Grüppchen zusammen und werfen Bälle, die dann von ihren Hunden begeistert gejagt werden. Vereinzelt zeugen kleine Müllhaufen von dem lebendigen Abend, den die Parkwiese vor wenigen Stunden erlebt hat. Im Sommersemester sieht man den Hofgarten selten leer – wann immer es das Wetter und der Stundenplan erlaubt, tummeln sich Grüppchen von Studierenden, junge Familien, Schüler, Sportgruppen, Rentner, Menschen die ihre Hunde lüften, Gitarrenspieler, Jongleure und Slackliner im Park vor dem Hauptgebäude. Trotz unmittelbarer Nähe zur Innenstadt ist die Wiese ein Ort der Entspannung, der jedem in Bonn bekannt ist. Doch wie gut kennt man den Hofgarten wirklich? Die Uniwiese hat faszinierende Geschichten zu erzählen – hier eine Auswahl.

Studierende, die vor 2012 angefangen haben in Bonn zu studieren, erinnern sich vermutlich noch an das Parkhaus, das unter dem Rasen liegt. Die Einfahrt in Rheinnähe ist seit 2012 mit einer Kette verhangen; die ebenfalls gesperrte Ausfahrt in der Nähe des Kaiserplatzes ist vermutlich etwas bekannter, da der Kaffeeroller sich direkt daneben befindet. Angeblich soll die Garage 2017 wieder eröffnet werden, bis dahin muss die Zwischendecke noch komplett erneuert werden.

Wer in den 1980ern schon in Bonn unterwegs war, wird mit dem Hofgarten die Friedensbewegung und die damit einhergehenden Demonstrationen verbinden. Am 10. Oktober 1981 versammelten sich rund 250.000 friedliche Demonstranten aus ganz Westdeutschland auf der Uniwiese, um ihrer Unzufriedenheit mit dem NATO-Doppelbeschluss Ausdruck zu verleihen. Es war die bis dato größte Demonstration ihrer Art in der jungen Bundesrepublik Deutschland. Und auch die friedlichste, mit nur elf Verhaftungen wegen leichter Vergehen. Die Demonstranten forderten die damals noch nahe residierende Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt auf, die Aufrüstung mit Atomwaffen im Rahmen des Kalten Krieges zu stoppen. Während Redner wie Schriftsteller Heinrich Böll sich öffentlich solidarisch mit der Friedensbewegung zeigten, tauchten einige Mitglieder der SPD lieber in der Menge unter, da ihnen unter anderem mit dem Parteiausschluss gedroht wurde. Zwei Jahre später versammelten sich erneut 200.000 Demonstranten zum Höhepunkt der Proteste, um der Hauptkundgebung zu lauschen. Unter ihnen waren mehrere Bundeswehrsoldaten in Uniform, die ihrem Frust über die deutsche Politik im Kalten Krieg Ausdruck verliehen. Wieder sprach Heinrich Böll, es waren Aktivisten aus den USA angereist, die schon bei der Menschenrechtsbewegung der sechziger Jahre dabei waren. Nun war auch Willy Brandt auf der Bühne, um Kanzler Schmidt heftig zu kritisieren. Der Hofgarten bot den nötigen Platz, das Universitätshauptgebäude die Atmosphäre für den Protest gegen Aufrüstung, Krieg und blinden Zorn.

Diese Demonstrationen sind der Grund, warum der Hofgarten in die Route des »Weges der Demokratie« aufgenommen wurde. Sie sind Ende der achtziger Jahre allerdings auch Anlass dafür, die Hofgartenwiese für Großveranstaltungen wie Demonstrationen zu sperren – die Universität hatte sich vor Gericht das Hausrecht über den Platz erstritten und entscheidet seither darüber, welche Veranstaltungen vor dem Hauptgebäude stattfinden dürfen. Demonstrationen gehören nicht mehr dazu. Doch der Hofgarten hat auch dunkle Zeiten gesehen. Während der NS-Diktatur fanden hier Aufmärsche statt, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die ehemals dekorative Parkwiese als Kartoffelacker genutzt, um die hungernde Bonner Bevölkerung zu ernähren.

Wie bereits erwähnt: Dies ist nur eine Auswahl der Ereignisse, die auf dem und um den Hofgarten herum stattfanden. Und auch, wenn es den meisten Bonnern nicht bewusst ist, dass ihre grüne Oase in der Innenstadt auch ein geschichtsträchtiger Platz ist: Die Wiese bleibt durch sie doch ein belebtes Zentrum des Stadtgeschehens, und wird als solches vielleicht sogar irgendwann wieder Schauplatz eines historischen Ereignisses.


Beschlossene Sache

RUBRIK SP-BESCHLÜSSE  Seit seiner Wahl im Januar hat das 38. Studierendenparlament bereits einige Dinge beschlossen. Unter den Beschlüssen sind alte Bekannte und einige Neuerungen – ausgewählte Beschlüsse stellen wir hier vor.

VON SVEN ZEMANEK & ALEXANDER GRANTL

Das 38.

Das 38. Studierendenparlament bei der Arbeit (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

24. März 2016
Kritik an Empfehlung des Senats der Leibniz-Gesellschaft, Förderung der ZB MED einzustellen
Die ZB MED bietet bislang unter anderem Studierenden der sogenannten Lebenswissenschaften eine große Auswahl an Büchern, Zeitschriften und Beratungsmöglichkeiten. Eine Informatikprofessur befindet sich derzeit im gemeinsamen Berufungsverfahren. Mit der Empfehlung des Senats, die Förderung einzustellen, ist all dies gefährdet.

Diesen Antrag brachte die Fraktion der Juso-Hochschulgruppe ein, bei zwei Enthaltungen wurde er einstimmig angenommen.

24. März 2016
Einrichtung eines UniCard-Ausschusses
Der neue UniCard-Ausschuss soll nach der erfolgten Urabstimmung über die Einführung und Teilfinanzierung der Einführung einer UniCard die Lage sondieren.

Diesen Antrag brachte die Fraktion der Juso-Hochschulgruppe ein. Der Ausschuss hat sieben Mitglieder. Er soll die Arbeit des Vorgänger-Ausschusses weiterführen.

24. März 2016
Einladung des Rektors
Der nicht-mehr-ganz-so-neue Rektor wird zu einem Antrittsbesuch ins Studierendenparlament eingeladen. Die Fraktionen sollen vorab Fragen einreichen, Präsidium und AStA das Event im Vorfeld groß bewerben.

Dieser Antrag wurde vom Bündnis »SparUni Bonn« gestellt. Der Rektor bekundete bereits im AKUT-Interview im Dezember sein Interesse daran, das SP zu besuchen.

24. März 2016
Einrichtung eines Ausschusses für die Belange des Studierendenwerks
Die Ausschussmitglieder sollen studentische Ansprechpartner für das Studierendenwerk (StwB) und Bindeglied zwischen studentischer Selbstverwaltung in den Wohnheimen und dem Studierendenwerk sein.

Der Ausschuss hat 9 Mitglieder. Der Antrag wurde vom damaligen kommissarischen Finanzreferenten eingebracht. Nach einem Änderungsantrag durch die Juso-HSG werden die studentischen Mitglieder des StwB-Verwaltungsrats beratende Ausschuss-Mitglieder.

24. März 2016
Kooperationsvertrag mit dem Deutschen Museum
Zum Preis von 2000 Euro jährlich für die Studierendenschaft dürfen die Studierenden der Uni Bonn kostenlos das Deutsche Museum in Bonn besuchen.

Das Deutsche Museum in Plittersdorf zeigt etwa 100 zeitgenössische Exponate aus Naturwissenschaft und Technik. Durch die Kürzung von Zuschüssen der Stadt Bonn ist es von der Schließung bedroht.

24. März 2016
Kooperationsvertrag mit dem Beethoven-Haus Bonn
Zum Preis von 2000 Euro jährlich für die Studierendenschaft dürfen die Studierenden der Uni Bonn kostenlos das Museum des Beethoven-Hauses Bonn besuchen.

Das Beethoven-Haus in Bonn ist ein Museum und Kulturinstitut, zu dem unter anderem Beethovens Geburtshaus in der Bonngasse gehört.

24. März 2016
Freitisch Syrische Studierende
Für das Jahr 2015 bezahlt die Studierendenschaft die Hälfte der Kosten (etwa 1000 Euro). Die Aktion soll auch 2016 weitergeführt und -finanziert werden.

Als »Freitisch« wurden in der frühen Neuzeit kostenlose Mahlzeiten für Studenten bezeichnet.

24. März 2016
Förderung studentischer Kinderbetreuung
Die Förderung der studentischen Kinderbetreuung wird bis zum Ende des Sommersemesters 2017 verlängert. Geld beantragen können Kindertagesstätten, -krippen, -häuser oder Elterninitiativen, die Kinder studentischer Eltern unter drei Jahren betreuen, sowie Studierende, die ihre Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren in solchen Einrichtungen betreuen lassen.

Die letzte Verlängerung des Vertrags, der 2015 auslief, wurde 2014 beschlossen.

20. April 2016
Dienstleistungsvertrag über eine Landes-ASten-Treffen-Koordination
Der AStA der Ruhr-Universität Bochum stellt der zentralen Landes-ASten-Treffen-Koordination u.a. einen möblierten Arbeitsraum und eine finanzielle Aufwandsentschädigung zur Verfügung und erhält dafür von den beteiligten ASten Geld.

Die verfasste Studierendenschaft der Uni Bonn zahlt derzeit etwa 3000 Euro jährlich.

20. April 2016
Änderung der Studiticket-Richtlinie (RLST)
Diese Änderung der Richtlinie für die Rückerstattung des Semesterticketbeitrags enthält vor allem Anpassungen an die Rechtslage. Außerdem ist die Einführung eines Onlinesystems für die Antragsstellung geplant.

Auch hier verliert der Ältestenrat seine Funktion als Widerspruchsorgan.

3. Mai 2016
Richtlinie für die Förderung studentischer Gruppen
Diese Änderung der Richtlinie betrifft vor allem studentische Gruppen, die auf dem Kulturplenum Geld beantragen wollen.

Am Entwurf gab es viel Kritik, der Haushaltsausschuss legte eine lange Liste mit Änderungsvorschlägen vor.


Editorial | AKUT 341

Hallo,

jetzt musstest du sicher erst mal einen Blick in den Spiegel werfen, richtig? Da schreiben wir einfach »Das bist du« auf unser Cover, obwohl du das gar nicht bist. Lügen-AKUT! Aber, bevor wir dich in eine Identitätskrise treiben: In unserer Titelgeschichte geht es tatsächlich um dich. Wir wollten herausfinden, was junge Menschen mit ihrem Studium, ihrer Zukunft, ihrem Leben vorhaben. Drei Studierende versuchen, das zu beantworten. Spoiler: Es gelingt ihnen nicht. Aufschlussreich ist der Text dennoch. Warum unsere Generation die Arbeitswelt verändern wird, was man sechs Monate in Las Vegas tun kann und was ein »Passivstudent« ist – alles hier zu lesen.

Im Januar fanden neben den Wahlen zum Studierendenparlament auch zwei Urabstimmungen statt. AKUT-Redakteur Sven hat dazu einen Kommentar geschrieben. Die Überschrift lautet »Musste das wirklich sein?« und könnte bereits ein vager Hinweis auf Svens Meinung über die Abstimmungen sein – hier zu finden.

Redakteurin Juliane hat sich in den letzten Wochen genau angesehen, was Flüchtlinge tun müssen, um an der Uni Bonn zu studieren. Ihr Fazit: Sie müssen einiges tun, denn der Weg ins Studium ist lang und kompliziert. Wie die Uni Bonn und der AStA dabei helfen wollen, steht in ihrem Bericht.

Willst du uns deine Meinung zu diesem Heft sagen? Oder hast du eine Geschichte, die unbedingt in die AKUT muss? Oder ein süßes Tierfoto? Egal, was du uns erzählen willst, wir haben überall ein offenes Ohr – bei Facebook, Twitter, Instagram und natürlich per E-Mail. Wie genau du uns erreichen kannst, steht auf akut-bonn.de/leserbriefe

Nach 20 Monaten endet jetzt meine Zeit in der AKUT- Redaktion. Im Vergleich zur 67-jährigen Geschichte der AKUT sind 20 Monate nicht viel. Aber in dieser Zeit ist viel passiert – und die AKUT ist auf einem guten Weg. Ich danke unseren Leserinnen und Lesern, allen engagierten Studierenden und der ganzen Redaktion, die ich als sehr professionelles Team erlebt habe.

Viel Freude beim Lesen

Alex Grantl


Musste das wirklich sein?

KOMMENTAR  Viel Aufregung gab es im Januar um die Urabstimmungen zu Unicard-Einführung und fzs-Austritt. Doch die beiden Abstimmungen waren flüssiger als Wasser – nämlich überflüssig.

VON SVEN ZEMANEK*

Ausgefüllte Stimmzettel nach ihrer Auswertung

Ausgefüllte Stimmzettel nach ihrer Auswertung (Foto: Alexander Grantl / AKUT)

Urabstimmungen also. Hatten wir lange nicht mehr. Im Jahr 2008 war die letzte. Und jetzt gleich zwei! Donnerwetter.

Thema eins: Einführung und Teilfinanzierung der Einführung einer UniCard. Dass »die Studierenden« die UniCard wollen, wissen wohl alle, die sich schon einmal mit Angehörigen dieser Gruppe unterhalten haben. Und wenn man auch nicht mehr als bisher dafür zahlen muss, kann man das Kreuz auch unter Frage zwei bei »Ja« machen. Das Ergebnis – 84 bzw. 65 Prozent Zustimmung – dürfte also niemanden überraschen.

Doch was sollte das mit der Fragestellung? Zwei Fragen gleichzeitig! Das sieht die Satzung der Studierendenschaft, in der Urabstimmungen geregelt sind, gar nicht vor. Die Auszählung wird dadurch ebenfalls verkompliziert. Überspezifisch waren die Fragen außerdem: Alle möglichen Funktionen einer UniCard wurden explizit aufgezählt, wie Fahrausweis, Bibliotheksausweis oder Zugang zum Hochschulsport. Sollte in Zukunft einmal eine UniCard eingeführt werden, der auch nur eine der aufgezählten Funktionen fehlt, wäre selbst bei erreichtem Quorum das Ergebnis der Urabstimmung technisch betrachtet nicht relevant.

Bleibt die zweite Urabstimmung über die Mitgliedschaft im Dachverband »freier zusammenschluss von studentInnenschaften«. Hier durften wir als Wahlausschuss uns anhören, dass die Fragestellung doch arg tendenziös sei, da in der Frage die jährlichen Kosten von 26.800 Euro für die Mitgliedschaft erwähnt wurden. Außerdem sei der Titel »Urabstimmung über die Mitgliedschaft« falsch, da man sich mit einer »Ja«-Stimme gegen die Mitgliedschaft entscheide. Beides Dinge, für die wir als Wahlausschuss rein gar nichts können – Titel und Text der Urabstimmung stammten aus dem eingereichten Urabstimmungsverlangen. Daran hat dann auch niemand mehr herumzupfuschen.

Das Hauptproblem dieser Abstimmung war allerdings, dass man den Abstimmungsberechtigten erst einmal erklären musste, was der fzs eigentlich für ein Verein ist. Diese Erfahrung machten bereits die Mitglieder des Aktionsbündnisses gegen den fzs, als sie Unterschriften für ihr Urabstimmungsverlangen sammelten (siehe AKUT Nr. 338). Es war daher eigentlich von vornherein klar, dass das Ergebnis eher zufällig zwischen den Optionen »Ja«, »Nein« und »Enthaltung« verteilt sein würde. Mit Tendenz zum »Ja«, denn wer spart nicht gern, wenn es angeblich etwas zu sparen gibt.

Vom Quorum wollen wir gar nicht erst anfangen. 20 Prozent Ja-Stimmen von allen 35.000 Studierenden erreichen zu wollen, war ausgehend von der üblichen Wahlbeteiligung schon mit einer utopischen Zustimmungsquote von 100 Prozent sehr sportlich. Und selbst wenn die UniCard-Abstimmung das Quorum erreicht hätte: Einführen kann die UniCard nur die Universität. Und die dürfte durch die Abstimmung keinen Erkenntnisgewinn haben: Dass die Mehrheit der Studierenden die UniCard konzeptuell geil findet, war bereits vorher bekannt.

Was von beiden Abstimmungen bleibt, sind die Kosten: 430 Euro für Abstimmungszettel, 2000 Euro zusätzliche Aufwandsentschädigung für den Wahlausschuss, Verwirrung an der Urne (wobei da auch die vielen, vielen Gremienzettel schuld waren), eine rechtliche Auseinandersetzung zwischen Wahlausschuss und Universität um den Versand einer E-Mail an alle Studierenden, die der Wahlausschuss übrigens verloren hat, und eine sehr lange Auszählung. Das alles hätten wir uns sparen können.

Etwas Positives gibt es auch: Nach langer Zeit wurde das Wissen aufgefrischt, wie eine Urabstimmung zu organisieren ist. Das wäre aber trotzdem nicht nötig gewesen.


*Sven Zemanek studiert Computer Science. Er hat die Urabstimmungen als stellvertretender Wahlleiter mitorganisiert, aber schreibt hier nur für sich selbst.