Schlüsselereignisse

Gedanken über Europa und die Demokratie

Was kann man tun für eine bessere Welt? Ist die westliche Demokratie glaubhaft? Und: Sind europäische Werte Heuchelei? Ein prägendes Ereignis regt zum Nachdenken an: über Europa, Demokratie und die Menschen.

Das Studium prägt jeden von uns unterschiedlich. Nach drei oder fünf Studienjahren können wir uns nicht mehr an alles erinnern, was wir erlebt haben, wohl aber an einzelne Schlüsselereignisse. Ein solches Ereignis fand für mich während der Sitzung eines Seminars über internationale Herausforderungen statt. Wir hatten damals die Gelegenheit, mehr über eine Reihe von autokratischen Herrschern aus Afrika und dem Orient zu erfahren. Manche von denen haben in Westeuropa studiert, sind später in ihren Heimatländern Diktatoren geworden, oder haben sogar Völkermord begangen. Der Dozent sagte uns diesbezüglich: „Wer solche Pläne hat, sollte jetzt bitte mein Seminar verlassen.“ Wir haben gelacht, es erhob sich natürlich niemand.

Ein Jahr später gab mir ein Gespräch mit einem Kommilitonen aus dem Ausland Anlass zum Nachdenken. Es gäbe keine europäischen Werte, vielmehr sei das nur Rhetorik und Heuchelei, war die Überzeugung meines Gesprächspartners. In der EU würden zyprische Sparer „demokratisch“ enteignet und die Ausländer als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Wo sei denn bitte hier die sogenannte Freiheit, Solidarität und Gleichheit der Menschen zu finden? „Und was heißt schon ‚Demokratie‘, dass jeder das tut, was er will? Soll ich mich deshalb ausziehen und nackt durch Bonn laufen?!“, fragte er mich.

Es waren nicht seine Einstellungen, die mich nachdenklich machten. Das eigentliche Problem dabei ist, dass unsere Einstellungen von den eigenen Erfahrungen und Beobachtungen beeinflusst werden. Die persönlichen Einstellungen können nicht entweder falsch oder richtig sein, sie sind einfach von dem geprägt, was wir erlebt haben.

Dieses Gespräch fand im späten Herbst 2013 statt. Zu der Zeit las man in den Zeitungen, dass ein Dutzend von deutschen Dschihadisten in Syrien unterwegs ist, um dort zu kämpfen. Personen, die sicherlich einigen von uns mal als Nachbarn, Schulkameraden oder spontane Bekanntschaft begegnet sind. Das Bundesinnenministerium zeigte sich besorgt, dass die dorthin eingereisten Personen ideologisiert und kampfbereit nach Deutschland zurückkehren würden.

Mancher könnte sich zurecht fragen: Wie kann es sein, dass Westeuropa die Gelegenheit gehabt hat, bei der Ausbildung zukünftiger Diktatoren mitzuwirken? Wie kann es sein, dass Kommilitonen, die mit uns zusammen studieren, an den Werten Europas zweifeln, und wir das nicht mal wissen? Wie kann es sein, dass Menschen, die in einem demokratischen Land geboren wurden, sich entscheiden, zu den Waffen zu greifen, um diese möglicherweise gegen den Westen zu richten? Offenbar machen wir etwas falsch. Aber was? Ich glaube, wir reden zu wenig miteinander.

Es sind, wie oben erwähnt, die Erfahrungen, die einen prägen und seine Einstellungen beeinflussen. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, pflegte ein ehemaliger Student der Uni Bonn zu glauben. Wenn wir miteinander nicht genug reden, wie sollte man in der Lage sein, das Handeln, das Empfinden und die Verwandlung unserer Mitmenschen zu verstehen? Geschweige denn zu wissen, dass jemand Hilfe oder einfach ein gutes Wort braucht. Smalltalk und Oberflächlichkeit sind heute angesagt. Und wenn man so gut vernetzt ist, und fünfzig Leute am Tag trifft, die einem fünfzigmal sagen „Gut, danke, und dir?“, dann ist man am Ende des Tages nicht unbedingt schlauer. Mehr Ehrlichkeit, mehr Interesse füreinander, das brauchen wir.

Eine friedliche, eine bessere Welt braucht Weltbürger und Weltbürgerinnen, die mit offenen Augen durch das Leben gehen. Was bedeutet das? Das bedeutet mehr Interesse für unsere Mitmenschen zu zeigen, mehr miteinander zu reden. Ja, wir versuchen bereits, morgens mit halb offenen Augen unsere Vorlesungen und Seminare zu erreichen, oder auch nicht. Aber, dass unsere Augen nicht wirklich offen sind, zeigen nicht nur die oben erwähnten Beispiele, sondern alles in der Welt, dessen Fortbestehen nicht erwünscht ist: Intoleranz, Gewalt, Extremismus, Krieg.

Vieles auf dieser Welt passiert aus einem erstaunlich simplen Grund: Weil wir es zulassen. Und es ist deutlich einfacher, in unserer Umgebung ehrliches Interesse und Verantwortung für unsere Mitmenschen zu zeigen, als sich später zu fragen, wie denn aus X plötzlich Y geworden ist, wieso man nach Syrien „reisen“ möchte und warum die viel beachtete Demokratie des Westens von Gleichgesinnten infrage gestellt wird.

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