Bekannte Söhne der Alma Mater (I)

Interview mit Günter Verheugen

Die Uni Bonn hat viele berühmte Söhne. Einer davon ist Günter Verheugen, ehemaliger EU-Kommissar und ex-Vizepräsident der Europäischen Kommission. Im Interview mit der akut spricht er über Politik und Demos im Hofgarten.

Guten Tag, Herr Verheugen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben!
Sie haben an der Universität Bonn Politische Wissenschaft, Soziologie und Geschichte studiert. Heute haben viele junge Leute Probleme, sich für ein Studienfach zu entscheiden. Ging es Ihnen so ähnlich oder war Ihre Fächerkombination sozusagen Ihre Berufung?

Nein, überhaupt nicht! Ich hab das studiert, worauf ich Lust hatte! Einen Beruf hatte ich zu der Zeit übrigens schon gelernt. Ich war bereits ausgebildeter Redakteur und meine Absicht war natürlich, nach dem Studium zu diesem Beruf zurückzukehren. Ich wollte eine journalistische Karriere machen.

Das heißt also, dass Sie gar nicht in die Bundeshauptstadt Bonn gekommen waren, um in die Politik zu gehen?

Überhaupt nicht! Ich war zwar zu der Zeit schon politisch tätig; ich war aktiv bei den Jungdemokraten – das war damals die Jugendorganisation der FDP – aber  die Idee, dass die Politik mein Beruf werden könnte, hatte ich während meines Studiums nicht.

Und wie ist Ihnen dann der Einstieg in die Politik gelungen?

Gelungen gar nicht, das kam auf mich zu! Ich saß im Politikwissenschaftlichen Seminar in dieser alten Villa in der Lennéstraße , eines Nachmittags Ende Oktober 1969, und da kam die Sekretärin von Professor Bracher, dem Professor damals, ganz aufgeregt herein und fragte: „Ist hier ein Verheugen? Da ist der Minister am Telefon.“  Am Telefon war Genscher. Der war gerade Innenminister geworden, und er sagte: „Können Sie morgen mal bei mir vorbeikommen? Ich hab was mit Ihnen zu besprechen.“  Und da machte er mir das Angebot, für ihn im Bundesinnenministerium zu arbeiten.

Und wie haben Sie reagiert?

Ich sagte, dass das nicht ginge, weil ich noch an meiner Doktorarbeit schrieb und die erstmal fertig werden sollte. Doch er antwortete: „Ach, das machen Sie doch nebenbei und außerdem dauert diese Regierung nicht so lange und mit mir machen Sie eine einmalige Erfahrung.“ Und so habe ich mich rumkriegen lassen. Aber diese beiden Annahmen – einen Doktor nebenbei und eine kurzlebige Regierung – waren beide grundfalsch.

Wie war Genscher denn auf Sie aufmerksam geworden?

Er kannte mich schon durch meine politische Arbeit. Aber weshalb er glaubte, dass ich der richtige Mann für seine Öffentlichkeitsarbeit war, weiß ich bis heute nicht. Aber es hat funktioniert.

Sie haben ja Ende der Sechziger hier in Bonn studiert. Das waren sicher wilde und sehr politische Zeiten. Wie war es in den 1968ern an der Uni?

Ich war nicht aktiv in der Studentenbewegung. Ich hab mich auch nie mit Hochschulpolitik beschäftigt oder für den AstA kandidiert. Ich war sehr aktiv, aber auf einem anderen Feld. Deshalb ging das, was an der Uni politisch abging, zwar nicht an mir vorbei, ich war aber kein direkter Teil davon. Beeinflusst hat es mich sehr – wie alle zu dieser Zeit – aber es war nicht so, dass ich zu dem, was man damals APO nannte (Außerparlamentarische Opposition, Anm. der Red.) dazugehörte. An Demonstrationen hat man natürlich teilgenommen, das gehörte sich so. Zum Beispiel gegen die Notstandsgesetze.

War das die große Demo im Hofgarten?

Ja, da waren viele. Es war ein Riesenrummel. Bald zogen Demonstrationszüge durch die ganze Stadt. Das verteilte sich dann hinterher. Jedenfalls landete ich am Ende mit ein paar tausend anderen vor dem Innenministerium in der Rheindorferstraße. Da standen wir und haben skandiert: „Benda“, also der damalige Innenminister, „wir kommen“. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich wenig mehr als ein Jahr später da drin sitze, hätte ich ihn ausgelacht.

Mittlerweile sind Sie ja selbst Honorarprofessor und sehen das universitäre Geschehen aus der anderen Perspektive. Was fällt Ihnen denn an der heutigen Situation im Vergleich zu damals auf?

Ich habe mich anfangs sehr schwer getan, die neue Zeit vollständig zu begreifen. Das Studium ist heute ganz anders. Es ist viel reglementierter. Die Studierenden müssen viel konzentrierter arbeiten. Die Leistungsnachweise sind viel strenger als das zu meiner Zeit war. Insgesamt ist mein Eindruck, dass das Studium heute viel mehr der direkten Vorbereitung auf einen Beruf dient, als das zu meiner Zeit noch der Fall war.

Würden Sie bezüglich der Studierenden der Aussage zustimmen, dass die heutige Generation eine unpolitische Generation ist?

Nein. Also ich habe natürlich auch einen Masterstudiengang in Politischer Wissenschaft, bei denen sollte man annehmen, dass sie sich dafür interessieren. Niemals habe ich den Eindruck gehabt, dass wir eine unpolitische junge Generation haben. Sie ist anders politisch. Sie hat andere Ausdrucksformen und sie will nicht in Parteimühlen zermahlen werden.

Sie waren auch lange Jahre als EU-Kommissar und stellvertretender EU-Kommissionspräsident in Brüssel tätig. Eine Karriere in der EU ist heute das Ziel vieler Politikstudenten.  Was können Sie solchen Studierenden raten?

Das stimmt, aber eine Karriere in den europäischen Institutionen ist schwierig. Wer dort Beamter werden möchte, muss durch ein sehr hartes Auswahlverfahren gehen. Dreisprachigkeit ist dort heute gefragt, Englisch und Französisch sind ein Muss. Die Konkurrenz ist riesig, im Augenblick haben Deutsche auch nicht die allerbesten Chancen.

Warum?

Weil immer noch ein personeller Nachholbedarf aus neuen Mitgliedsländern besteht.  Also sollte sich niemand ausschließlich auf EU-Institutionen fixieren, wenn der künftige Arbeitsort in Brüssel sein soll. Es gibt auch andere Möglichkeiten in Brüssel: unendlich viele Institutionen, Verbände, Consultancies, Think Tanks,…

Haben Sie selbst denn in Ihrem Studium schon Schwerpunkte in Internationalen Beziehungen oder Europa gelegt?

Nein, Europa war damals nicht mein Thema. Ich muss auch ehrlich gestehen, dass mich das damals nicht sonderlich interessiert hat. Ich fand während des Studiums Internationale Beziehungen viel spannender. Das hat sich später als ein Vorteil erwiesen, weil ich ja auch noch ein paar Jahre im Auswärtigen Amt war. Erst in den Neunziger-Jahren packten mich europäische Fragen so richtig.

Sie haben selbst eine Vielzahl an wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht und sind ja auch letztendlich an die Universität zurückgekehrt. Was liegt Ihnen näher? Angewandte Politik oder Politische Wissenschaft?

Ich war mit Leib und Seele Politiker, aber als ich vor vier Jahren in Brüssel aufhörte, entschied ich, meine aktive politische Zeit zu beenden. Ich wollte mich jedoch nicht völlig zurückziehen, sondern es reizte mich, mein Wissen an Studenten weiterzugeben. Wenn Sie mich aber fragen, was leichter ist, Politik oder Wissenschaft, kriegen Sie eine klare Antwort: Es ist wesentlich einfacher, über Politik zu schreiben, zu reden, sie zu analysieren und Politiker zu kritisieren, als Politik selber zu machen. Das ist sehr viel schwerer.

Eine letzte Frage: Was ist Ihnen bei Ihrer Studienzeit in Bonn am schönsten in Erinnerung geblieben?

Die Freiheit! Das können Sie sich wahrscheinlich heute so nicht  vorstellen. Das Studium bot große Freiheiten, vielleicht sogar zu viele Freiheiten. Ich hätte etwas zielbewusster arbeiten können, aber ich habe dafür alles Mögliche außerhalb meiner eigenen Fächer gehört, weil es mich schlicht interessierte. Das war sehr bereichernd und ich bin froh, dass ich das machen konnte. Zudem war und ist Bonn wirklich eine sehr schöne Stadt. Ja, meine Studienzeit war toll!

Vielen herzlichen Dank für das Interview, Herr Verheugen!

Zur Person

Günter Verheugen, Jahrgang 1944, war von 1999 bis 2004 EU-Kommissar für Erweiterung, von 1999 bis 2010 EU-Kommissar für Unternehmen und Industrie und Vizepräsident der Europäischen Kommission. Er studierte nach einer Redakteursausbildung zwischen 1965 und 1969 in Köln und Bonn Politische Wissenschaft, Soziologie und Geschichte. Direkt nach seinem Studium wurde er Referatsleiter für Öffentlichkeit im Bundesinnenministerium unter Hans-Dietrich Genscher, mit dem er später ins Bundesaußenministerium wechselte. 1982 trat der FDP-Politiker aus seiner Partei aus, nachdem diese die sozial-liberale Koalition beendet und eine neue Koalition mit der CDU eingegangen war. Noch im selben Jahr wechselte Verheugen zur SPD. Seit seinem Rückzug aus der Politik im Jahr 2007 ist Günter Verheugen Honorarprofessor für Europäisches Regieren an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.