Aus mit der Sprache

Die Uni Bonn lässt Studierende verstummen

Durch den Sparzwang an der Philosophischen Fakultät spitzt sich die Sprachkurs-Situation am Institut für Orient- und Asienwissenschaften immer mehr zu. Mittlerweile müssen selbst Islamwissenschaftler um ihren Platz im Arabisch-Kurs bangen.

Patricia Janitzki und Christina Baetzel sind empört. So hatten die beiden sich ihr Studium der Islamwissenschaften nicht vorgestellt. „Wenn ich hier bleibe, verringern sich meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, so Christina. „Entweder das Problem lässt sich institutsintern regeln oder ich muss wechseln.“ Christina, die bereits Magistra der Skandinavistik ist, studiert mittlerweile im vierten Semester den Zwei-Fach-Bachelor „Islamwissenschaft (Nahostsprachen)“ am Institut für Orient- und Asienwissenschaften (IOA) der Uni Bonn. Patricia studiert im selben Semester das Kernfach Asienwissenschaften, in dem man ebenfalls einen islamwissenschaftlichen Schwerpunkt wählen kann. Diese Studiengänge bestehen neben historischen und kulturellen Modulen zur Region Westasien hauptsächlich aus dem Studium der islamwissenschaftlichen Sprachen Arabisch, Persisch und/oder Türkisch. Als Lingua Franca der islamischen Welt, und eine der weltweit am meisten gesprochenen Sprachen, wird Arabisch von den meisten Islamwissenschaftlern gewählt, gilt es doch als Grundlage für diesen Studiengang. Doch genau hier liegt das Problem, nicht nur für Patricia und Christina, sondern vermutlich auch für etliche andere Asienwissenschaftler mit diesem Schwerpunkt:
Wegen finanzieller Einsparungen an der Philosophischen Fakultät wurden Sprachkurs-Kontingente am IOA zum Wintersemester 2013/14 radikal gekürzt. Konkret heißt das, dass Arabisch – genau wie alle Sprachen, die am IOA im Rahmen des Bachelors im  Kernfach studiert werden können – nicht mehr wie vorher zwei- oder sogar dreizügig, sondern nur noch mit einem Kurs geführt werden darf. Im IOA war bereits vorher klar, dass dies den Bedarf bei Weitem nicht decken werden würde. Prof. Dr. Dagmar Glaß, die am Institut seit neun Jahren für den Arabisch-Unterricht verantwortlich ist, erklärt: „Die Abteilung Islamwissenschaft und Nahostsprachen hatte das Dekanat vor Ende des Studienjahres 2012/13 in einem Brief auf die im WS 2013/14 zu erwartenden Probleme für die Studierenden und von uns betreuten Studienschwerpunkte aufmerksam gemacht, denn Arabisch hat für zwei Bachelor-Studienschwerpunkte und zwei Master-Schwerpunkte eine Schlüsselrolle – leider erfolglos!“

Problematisch wird es in Folge dessen vor allem für all diejenigen, die sich im Kernfach zunächst für eine andere Nahostsprache entschieden, so wie Patricia. Sie hat ihr Studium mit Türkisch begonnen und freiwillig schon seit dem ersten Semester auch noch Persisch belegt – selbstverständlich in der Erwartung, Arabisch ab dem dritten Semester hinzuwählen zu können, denn sie weiß: „Arabischkenntnisse sind bis auf wenige Unis in Deutschland eine Voraussetzung, um einen Master in Islamwissenschaften zu belegen.“ Sie hat sich bei der Planung ihres Studiums an die Empfehlung gehalten, die sich bis heute als Musterstudienverlauf auf der Homepage des IOA findet und in der für Asienwissenschaftler mit ihrem Schwerpunkt zwei Optionen vorgeschlagen werden: Erstens, eine der islamwissenschaftlichen Sprachen Arabisch oder Persisch sechs Semester lang zu studieren oder aber zweitens, (und dafür hatte Patricia sich entschieden) mit einer der beiden Sprachen zu beginnen und die zweite ab dem dritten Semester dazuzunehmen.
Doch Pustekuchen! Wegen der Streichungen kann das IOA längst nicht mehr allen Interessierten erlauben, an den Arabischkursen teilzunehmen. „Aufgrund des Sparzwanges wird einleuchten, dass ab WS 2013/14 die Priorität auf denjenigen Anfängern liegen muss, die den „IOA-hauseigenen“ Bachelor-Studiengang, also den Bachelor „Asienwissenschaften“, studieren und hier ihr Studium mit Arabisch beginnen. Denn nur diese Gruppe hat die Möglichkeit, im Laufe des Bachelors das für den Master „Asienwissenschaften“ mit dem Schwerpunkt Islamwissenschaft nötige Sprachniveau zu erlangen“ so Professor Glaß. Für Patricia gilt zwar die erste Bedingung, aber eben nicht die zweite, und das bedeutet, dass sie, obwohl sie sich an die Regeln des IOA gehalten hat, theoretisch nicht die Voraussetzungen für einen Master mit ihrem Schwerpunkt mitbringen wird – weder an der Uni Bonn noch an den meisten anderen Unis. Und das, obwohl zu einer sinnvollen, kompatiblen und für den Arbeitsmarkt tauglichen Sprachkombination geraten wird: „Aus fachlicher Sicht ist es sinnvoll, Arabisch als die grundlegende Islamsprache mit einer anderen Islamsprache, vor allem Persisch oder Türkisch, zu kombinieren“, so Frau Prof. Dr. Glaß selbst.

Doch damit nicht genug: Denn aus den Arabischkursen werden nun nicht nur diejenigen ausgeschlossen, die sich nicht für Arabisch als erste ihrer Sprachen entschieden haben, sondern auch „die Wiederholer“, also alle, die Arabisch noch einmal von vorn beginnen wollen, weil sie die Klausuren bei den ersten Anläufen nicht bestanden haben. Vor allem aber betrifft es auch die, die den Zwei-Fach-Bachelor Islamwissenschaft studieren, dessen Titel „Nahostsprachen“ zumindest vermuten lässt, dass dabei mehrere derer erlernt werden können. In der Realität ist im Studienverlaufsplan jedoch nur eine Sprache vorgesehen, die drei Semester gelernt werden soll. Christina, die ebenfalls mit Türkisch angefangen hat, wollte Arabisch trotzdem freiwillig belegen und empört sich: „Es ist peinlich, sich Islamwissenschaftler zu nennen, ohne jegliche Arabischkenntnisse!“ Die jetzige Planung sei einfach „zu kurz gedacht“, in Anbetracht der Tatsache, dass diese Kenntnisse für Quellenkunde essentiell und für Master und Dissertation fast überall Voraussetzung sind. Sie findet, dass man nicht dafür bestraft werden solle, wenn man mehr machen möchte. Ärgerlich sei zudem, dass viele Studierende Arabisch schon nach wenigen Wochen wieder abbrechen, weil es ihnen zu schwer ist, es dann aber zu spät für andere Studierende sei, nachzurücken.

Professor Glaß bedauert diesen Zustand, weist die Schuld aber vom Institut: „Wir als Lehrende bekommen vor Beginn des Wintersemesters keine Informationen über die Anfängerzahlen in unseren Sprachen. Immer erst am ersten Unterrichtstag im Wintersemester sehen wir dann die reale Nachfrage. So ist im WS 2013/14 dann auch das eingetreten, worauf wir im Vorfeld nachweislich aufmerksam gemacht haben: Eine zu hohe Nachfrage nach einer reduzierten Plätzezahl.“ Dabei sei die Abteilung Islamwissenschaft/Nahostsprachen den Arabisch-Interessierten sogar noch entgegengekommen und habe neben den Kernfächlern auch die Erstsemester im Zwei-Fach-Bachelor Islamwissenschaften voll berücksichtigt. Damit sei das Limit der Einzügigkeit, also, dass nur ein Kurs unterrichtet werden soll, bereits um 50 % überschritten worden. Sie bedauert, dass diese Mischorganisation in Zukunft nicht weiter möglich sein wird und weitere Abstriche erforderlich sein werden: „Wie es momentan aussieht, wird die Situation im kommenden Wintersemester 2014/15 noch dramatischer, wenn die Nachfrage nach Arabisch so bleibt oder weiter steigt.“ Im Zuge der Einsparungen stünden jetzt nämlich auch noch sogenannte Stellenfreisperrungen aus, von denen auch eines der beiden Arabischelektorate, also die Stelle eines Arabischdozenten, zumindest für ein Semester betroffen sein wird. Momentan befindet sich das Institut im Gespräch mit dem Dekanat, um eine Lösung für das Problem zu finden, denn von den Sprachen des IOA sei laut Glaß nicht nur Arabisch damit konfrontiert. Schon die Zwei-Jahres-Befristung der Lektorate und der generelle Mangel an qualifizierten Lehrkräften hatten es schwierig gemacht, die Standards, für die die Uni Bonn auf dem Gebiet der orientalischen und asiatischen Sprachen bekannt ist, zu halten, bemängelt Glaß. Doch die sich jetzt abzeichnenden zusätzlichen Schwierigkeiten bergen nach ihrer Ansicht tatsächlich Risiken in mehrerlei Hinsicht und könnten ihrer Einschätzung nach der Bonner Islamwissenschaft und Arabistik in der Zukunft tatsächlich zu schaffen machen.

Für Patricia und Christina ist klar: So bietet das Studium an der Uni Bonn für sie keine Perspektive. Nach mehreren Beratungen an Fachlehrstühlen anderer Unis haben sie entschieden, ihren Bachelor hier zu Ende zu bringen und dann die Uni zu wechseln. Damit das möglich ist, versuchen sie, sich Arabisch nun selbstständig mit Hilfe eines Lehrbuchs beizubringen und wollen durch kostenpflichtige Sprachkurse aufrüsten, um das nötige Arabisch-Niveau für einen Master zu erlangen. Davon, dass ihre Motivation hier absolut nicht auf fruchtbaren Boden fällt, sind sie enttäuscht:
„Im Nachhinein würde ich mich heute leider nicht mehr für die Uni Bonn entscheiden“, stellt Patricia resigniert fest.

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Ein Kommentar

  1. Das kommt leider immer wieder vor. Wichtig für künftige Studienbewerber ist es, sich frühzeitig zu informieren, wie viele Plätze es in den Sprachkursen gibt und mit wie vielen Bewerbern gerechnet werden muss. Auf der Grundlage dieser Auskünfte kann es gegeben sein, sich an einer anderen Hochschule zu bewerben. Orientalische Sprachen werden in Nordrhein-Westfalen an einer Reihe von Hochschulen unterrichtet, neben Bonn insbesondere in Köln, Bochum, Münster.

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