Eine göttliche Komödie

Nach 26 Jahren schließt das Café Göttlich – Immer wieder müssen Bonner Traditionsläden schließen. Dafür kommen dann Adressen für Lifestyle oder digitale Surfspots in die Schaufenster. Milchkaffee in Perfektion wird man dort aber nicht finden. Ein paar Worte zum Abschied.

Von Laura Breitkopf

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Um Himmels Willen, über zwanzig Jahre Milchkaffee in Perfektion – und nun stehe ich vor einer Baustelle. Die göttliche Leuchtreklame ist abmontiert, „Räumungsverkauf“ steht noch an den Scheiben des angrenzenden Ladens. Anstelle eines müden Koffeinsuchenden trottet ein Bauarbeiter durch die Tür; wo ehemals runde Tische zum Leutegucken einluden, türmt sich Bauschutt im Container, ragt ein Kran bis über die Dachrinne. Ende der munteren Geselligkeit, die hier getobt hat, Ende des gemeinsamen Müßiggangs.

Bonner Kult- und Kulturstätten verabschieden sich langsam aus der Innenstadt, machen Platz für Boutiquen, in denen nur noch das videoanimierte Meer im Schaufenster hohe Wellen schlägt – 2010 musste schon das alte Pendel am Sternentor  nach 35 Jahren einem Neubau mit moderner Ladenzeile weichen. „Bonn schafft sich ab“, titelte damals das Stadtmagazin Bonnaparte, es wurden auch dort ein paar Tintentränen verdrückt, Traditionsverlust beklagt und auf Uniformität geschimpft. Dabei steht Bonn doch eigentlich für Tradition – traditionsreiche Universität, noch vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. gegründet, traditionsreiche Theaterszene mit ebenfalls kurfürstlichen Wurzeln, und Beethoven, als wohl bekanntester Sohn der Stadt, ist gar noch im 18. Jahrhundert geboren. Kleine Perlen wie das Café Göttlich, das immerhin als „Igel“ schon Willy Brandt ein Begriff war, können von solchen Aufmerksamkeits-Dimensionen allerdings nur träumen.

Nun muss es einem weiteren Modegeschäft weichen. Investor ist Kent Hahne, seines Zeichens Mitbegründer der Restaurantkette Vapiano. Dessen Beratungsfirma Apeiron ist spezialisiert auf das Aufspüren vielversprechender Standorte in den Bereichen Restaurant, Retail und Freizeit. Direkt gegenüber leuchten in bunten Farben die abgeklebten Schaufenster der nur zehn Jahre nach der Universität gegründeten Buchhandlung Bouvier.

2004 erst hatte die zum Douglas-Konzern gehörende Thalia-Gruppe die insolvente Buchhandlung aufgekauft. Doch obwohl die Douglas Holding für „Handel mit Herz und Verstand“ steht, ist der Erhalt des Bonner Urgesteins anscheinend nicht zur  Herzensangelegenheit avanciert. Auf der Tür des ehemaligen Haupteingangs wird die Bouvier-Immobilie als „Bonns neue Adresse für Lifestyle“ angekündigt, gefolgt von gar fünf verheißungsvollen Pünktchen, die dem Slogan wohl einen Hauch Sexyness verleihen sollen. Der für Neuerungen stets offene Bonner ist natürlich gespannt auf das, was da kommt, möchte die freudige Erwartung gerne bei einem großen Milchkaffee auf sich wirken lassen und läuft fast den Bauzaun um, der ja nun die leere Caféhöhle absperrt, in der so göttlicher Wachmacher gebraut wurde.

Nur allzu leicht verfällt man in  nostalgisches Wehklagen. Ach, wie gebeutelt sind wir Bonner. Nach dem Bouvierschen Tod haben wir Blumen und Grabkerzen vor dem leeren Gebäude aufgetürmt, unsere Rheinkultur wurde uns genommen, unsere Klangwelle verbannt. Oh weh, oh weh. Jammern kann so schön sein. Und schnell ist dabei vergessen, dass die letzten Jahre uns auch kulturelle Schätze wie das Township geschenkt haben. Und einen Innenstadt-Supermarkt, na bitte. Stoßen wir also am Café-Roller an und flüstern gemeinsam und hoffnungsvoll das tröstliche Mantra karger Zeiten: „Das Sehnen ist göttlicher als das Finden.“ Habt Dank, ihr Schriftsteller und Poeten, ein schöneres Schlusswort hätte sich auch die Thalia-Presseabteilung nicht ausdenken können.

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